Wer heute durch die Stadien der spanischen Ligen zieht, könnte tatsächlich glauben, die wilden Jahre seien vorbei. Die ganz großen Schlagzeilen über Hooligankrawalle, Stadionverbote en masse oder politische Straßenschlachten rund um den Fußball gehören längst nicht mehr zum Alltag wie noch in den 80ern und 90ern. Doch wer genauer hinschaut, erkennt schnell: Die Szene lebt. Anders vielleicht. Verlagerter. Weniger sichtbar.

Die neue HBO Max-Dokumentation Ultras. Pasión y muerte versucht genau diesen Spuren nachzugehen. In drei Folgen beschäftigt sie sich mit den dunklen Kapiteln der spanischen Fankultur und zeichnet nach, wie sich Ultra- und Hooliganstrukturen über Jahrzehnte entwickelt haben.

Dabei steht weniger die Choreografie als vielmehr die Gewaltgeschichte des spanischen Fußballs im Mittelpunkt.
Die Namen, die bleiben

Aitor Zabaleta.
Jimmy.
Frèderic Rouquier.

Drei Namen, die in Spanien weit über die jeweiligen Vereinsgrenzen hinaus bekannt sind. Drei Todesfälle, die für unterschiedliche Epochen der Fußballgewalt stehen und deren Auswirkungen bis heute spürbar sind.

Besonders der Mord an Aitor Zabaleta im Jahr 1998 markierte eine Zäsur. Der Anhänger von Real Sociedad wurde vor einem Europapokalspiel am Vicente Calderón von einem Atlético-Ultra erstochen. Ein Ereignis, das den Blick auf die Verflechtungen zwischen Fußball, Politik und organisierter Gewalt nachhaltig veränderte. Bis heute sind die Erinnerungen präsent. Selbst Jahrzehnte später werden Begegnungen zwischen Atlético Madrid und Real Sociedad noch unter erhöhten Sicherheitsmaßnahmen durchgeführt.

Die Stärke der Dokumentation liegt dort, wo sie den Fußball verlässt. Denn letztlich erzählt sie nicht nur von Stadien, Kurven oder Auswärtsfahrten. Sie erzählt von einem Spanien, das lange Zeit bereit war, wegzusehen. Von Vereinen, die Ultra-Gruppen hofierten. Von politischen Milieus, die die Kurven als Rekrutierungsfeld betrachteten. Und von einer Gesellschaft, die sich erst nach und nach mit den Folgen auseinandersetzte.
Historiker, Journalisten, ehemalige Vereinsfunktionäre und Ermittler kommen zu Wort und zeichnen ein Bild, das vielen Szenekennern vertraut vorkommen dürfte: Ultras entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie sind immer auch ein Produkt ihrer Zeit.

Eine der zentralen Erkenntnisse der Serie lautet: Die Gewalt wurde nicht besiegt. Sie hat lediglich ihre Form verändert. Während die großen Erstligastadien heute stärker kontrolliert werden als je zuvor, verlagern sich Konflikte in untere Spielklassen, auf abgelegene Treffpunkte oder ins Internet. Soziale Medien haben längst einen Teil jener Räume übernommen, die früher ausschließlich den Kurven gehörten. Der Gegner bleibt derselbe. Nur das Spielfeld hat sich verändert.
Positiv fällt auf, dass die Produzenten auf übertriebene Dramatisierung weitgehend verzichten. Die nachgestellten Szenen sind zurückhaltend inszeniert und dienen eher der Einordnung als der Effekthascherei. Gerade bei Fällen, in denen Menschen ihr Leben verloren haben, ist das keine Selbstverständlichkeit.

Wer eine Dokumentation über Pyrotechnik, Choreografien und Kurvenromantik erwartet, wird hier nicht fündig. Wer hingegen verstehen möchte, wie eng Fußball, Politik, Gewalt und gesellschaftliche Entwicklungen miteinander verwoben sein können, bekommt einen durchaus sehenswerten Beitrag geliefert. Denn unabhängig davon, wie man zur Ultraszene steht, bleibt eine Erkenntnis bestehen: Die Geschichte der Kurven ist immer auch die Geschichte einer Gesellschaft.

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Den Trailer gibt es nur auf spanisch

Hand aufs Herz: Ultras. Pasión y muerte ist sicher nicht die ultimative Dokumentation zum Thema Ultraszene. Wer sich seit Jahren mit Fankultur, Kurvenpolitik oder den verschiedenen Entwicklungen europäischer Szenen beschäftigt, wird vieles bereits kennen.
Trotzdem lohnt sich ein Blick. Vor allem deshalb, weil die Serie einen interessanten Einblick in die spanische Szene vergangener Jahrzehnte bietet – in eine Zeit, als viele Gruppen noch deutlich anders organisiert waren und die Verbindungen zwischen Kurve, Politik und Straße oft wesentlich offensichtlicher zutage traten als heute.

Besonders positiv fällt auf, dass nicht ausschließlich Journalisten, Funktionäre oder Ermittler zu Wort kommen. Auch ehemalige und teilweise noch aktive Mitglieder der betreffenden Gruppen schildern ihre Sicht auf die Ereignisse. Das verleiht der dreiteiligen Produktion eine gewisse Authentizität und sorgt dafür, dass die Geschichte nicht nur von außen erzählt wird.

Abrufbar ist die Serie bereits bei HBO Max. Für Zuschauer in Deutschland gibt es aktuell allerdings nur die Originalfassung auf Spanisch mit deutschen Untertiteln – was dem Ganzen stellenweise sogar eine zusätzliche Portion Atmosphäre verleiht.