Groundhopping müssen wir euch da draußen ja nicht erklären. Neben Grounds und Länderpunkten sind vor allem die Lost Grounds ganz besondere Perlen, jene Orte, an denen das Flutlicht längst erloschen ist, die Tribünen bessere Tage gesehen haben und der Rasen mehr Geschichten erzählen könnte als so mancher Sportreporter. Dort wo der Spielbetrieb schon lange eingestellt wurde.
Bei den Lost Grounds entdecken wir die Schönheit in verwittertem Beton, finden Romantik zwischen alten Stehplatzstufen und Betrachten einen schiefen Flutlichtmast mit jener Ehrfurcht, die andere Menschen einem Sonnenuntergang an der Côte d’Azur oder Santorini. Verrückt? Vielleicht. Liebenswert? Unbedingt.
Dass diese Leidenschaft weit über das Sammeln von Stadionbesuchen hinausgeht, beweist eine außergewöhnliche Truppe aus Niedersachsen. Die erste Herrenmannschaft des PSV Braunschweig spielt normalerweise in der 2. Kreisklasse. Also dort, wo Fußball noch nach Fußball riecht und eine gepflegte Grätsche gelegentlich mehr Applaus bekommt als ein gelungener Übersteiger. Doch die Braunschweiger haben ein zweites Spielfeld entdeckt: vergessene Stadien.

Mit ihren sogenannten Lost Ground-Spielen erwecken sie verlassene Fußballstätten für einen einzigen Spieltag zu neuem Leben. Hinter den Veranstaltungen steckt ein zehnköpfiges Organisationsteam um unter anderem Helge Keller, unterstützt von der gesamten Mannschaft.
Genehmigungen, Spielfeldvorbereitung, Gegner, Eintrittskarten, Stadionhefte – alles wird mit viel Eigeninitiative organisiert. Eine professionelle Eventagentur? Fehlanzeige. Andere planen ihren Sommerurlaub. Die Braunschweiger reanimieren nebenbei ein Stadion.
An einem der heißesten Tage des Jahres, den 27. Juni 2026 führte die Leidenschaft ins Olympia-Skistadion von Garmisch-Partenkirchen. Dort, wo normalerweise Skispringer durch die Luft segeln, rollte plötzlich der Fußball. Weil die Rasenfläche für ein reguläres Großfeld zu kurz war, wurde kurzerhand zusätzlicher Kunstrasen organisiert und nach Bayern transportiert. Andere fahren nach Garmisch, um die Berge zu genießen. Diese Herren reisen an, um ein Fußballfeld zu verlängern.
Gegner war der Münchner FC Mainaustraße, der die Partie mit 3:1 gewann. Doch das Ergebnis war ungefähr so wichtig wie die Farbe der Eckfahnen. Tausende Fußballbegeisterte erlebten einen außergewöhnlichen Spieltag zwischen Alpenpanorama, Stadionnostalgie und gepflegtem Groundhopper-Wahnsinn.
Am 3. Oktober 2026 folgte der nächste Streich: das historische Jahnstadion in Marl. Einst Heimat des TSV Marl-Hüls und Schauplatz großer Fußballtage, später weitgehend dem Verfall überlassen. Verwilderte Tribünen, verwitterter Beton und jede Menge Vergangenheit. Für gewöhnliche Besucher vielleicht ein trauriger Anblick. Für Groundhopper? Ein kleines Paradies.

Die Braunschweiger brachten den Fußball zurück. Gegen eine Mannschaft des TSV Marl-Hüls wurde wieder gespielt, die Gastgeber gewannen mit 3:1. Zahlreiche Besucher erlebten einen Nachmittag, der zeigte, dass ein Stadion auch ohne Hochglanzfassade eine besondere Magie entfalten kann.
Mit der „Sportclub Story – Jedes Stadion zählt“ widmet der NDR den Braunschweiger Fußballromantikern und ihrer ungewöhnlichen Leidenschaft eine eigene Dokumentation. Sie erzählt von Menschen, die mit Idealismus, Hartnäckigkeit und einer gehörigen Portion Enthusiasmus Orte wiederbeleben, die andere längst abgeschrieben haben.
Denn ein Stadion ist mehr als Beton rund um ein Stück Rasen. Es ist ein Gedächtnis aus Stein. Hier wurden Aufstiege gefeiert, Abstiege beweint, Schiedsrichter verflucht und Freundschaften fürs Leben geschlossen.
Und irgendwann ist Schluss. Die Mannschaft zieht um, die Natur übernimmt die Kurve, das Kassenhäuschen wird zum Relikt. Was bleibt, sind Erinnerungen. Und manchmal ein paar Menschen aus Braunschweig, die sich weigern, diese einfach verschwinden zu lassen. Manchmal genügen eine gute Idee, ein paar Gleichgesinnte, zwei Tore und ein Stadion, das längst niemand mehr auf dem Zettel hatte.
Denn jedes Stadion zählt.
TV-Tipp
„Sportclub Story – Jedes Stadion zählt: Die Groundhopper aus Braunschweig“
NDR Fernsehen | Sonntag, 8. November 2026 | 23:25 Uhr
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TV-Tipp | "Jedes Stadion zählt" vom NRD
