Es gibt Künstler, die einem immer wieder begegnen. Auf Ausstellungen, in den Tiefen des Instagram-Feeds, Stromkästen oder Hauserwänden. Und dann gibt es Künstler wie Gordopelota, die einen über Jahre begleiten, ohne dass man es bisher geschafft hat, ihnen die Bühne zu geben, die sie verdienen. Nach einigen Instagram Stories zu seinen Arbeiten soll sich das heute endlich ändern – auch wenn das gemeinsame Projekt mit der Brauerei Quilmes, um das es geht, bereits Ende 2024 abgeschlossen wurde.

CA Belgrano

Hinter dem Namen Gordopelota steckt Martín Kazanietz, geboren 1985 in Buenos Aires und aufgewachsen zwischen der pulsierenden Hauptstadt Argentiniens und den endlosen Ebenen von La Pampa. Ursprünglich aus dem Grafikdesign kommend, entwickelte sich er als Autodidakt zum Maler und schuf dabei eine ganz eigene Bildsprache, die irgendwo zwischen Straßenkultur, Pop-Art, Karikatur und sozialer Beobachtung verortet ist.
Sein Künstlername ist dabei typisch argentinisch: „Gordopelota“ – frei übersetzt etwa „dicker Ball“ – entstand ursprünglich aus einem Spitznamen unter Freunden und entwickelte sich eher zufällig zu seiner künstlerischen Signatur. Eine dieser Geschichten, die man sich kaum besser ausdenken könnte. Denn obwohl der Name heute wie die perfekte Verkörperung seines Schaffens wirkt, hatte er ursprünglich gar nichts mit seiner Leidenschaft für den Fußball zu tun. Und genau dort liegt das Herz seiner Kunst.

Während viele Künstler den Fußball als Spektakel inszenieren, interessiert sich Gordopelota für dessen andere Seite. Für die staubigen Plätze zwischen Wohnblocks, die improvisierten Tore aus Plastik, die Sonntagnachmittage im Viertel und die Helden des Alltags. Eben Fußball mit dem anschliessenden Grillen und obligatorischen Bierchen oder Fernet-Cola. Seine Arbeiten erzählen von Zugehörigkeit, Gemeinschaft und Identität. Mit kräftigen Farben, liebevoll überzeichneten Figuren und einer gehörigen Portion Humor verwandelt er die Rituale des argentinischen Fußballs in universelle Geschichten über Menschen.

CA Independiente

Ende 2024 erhielt dieser Blick auf die Fußballkultur eine besonders große Bühne. Gemeinsam mit der traditionsreichen Brauerei Quilmes entstand eine Serie monumentaler Murals an einigen der ikonischsten Fußballorte Argentiniens. Racing Club, Independiente, Quilmes, Rosario Central, Belgrano und der Parque de la Cervecería wurden zu Leinwänden für Gordopelotas unverwechselbare Bildwelt.
Was die Wandbilder so besonders macht, ist ihre klare Idee: Statt Spieler, Trophäen oder Vereinslogos in den Mittelpunkt zu stellen, feiert Gordopelota die eigentlichen Protagonisten des argentinischen Fußballs – die Hinchas.

Wie eine farbenfrohe Flutwelle ziehen sich Menschenmengen über die Fassaden. Hunderte von Anhängern, dicht gedrängt, alle ausgestattet mit den charakteristischen Pilusos, den legendären Fischerhüten der südamerikanischen Fankultur. Aus der Distanz erscheint jedes Wandbild wie eine einzige große Masse. Tritt man näher heran, offenbart sich jedoch ein faszinierendes Detailuniversum.
Jeder einzelne Hut erzählt Geschichte. Auf ihnen finden sich Vereinslegenden, historische Gesänge, unvergessene Momente, lokale Mythen und ikonische Figuren. „Der Piluso wird zum Vehikel, um die Geschichte eines Clubs zu erzählen“, beschreibt Gordopelota das Konzept selbst. Eine wunderbare Idee, die gleichzeitig zeigt, wie ähnlich und wie unterschiedlich Fußballfans sein können. Von weitem sind sie alle Teil derselben Leidenschaft. Von nahem trägt jeder seine ganz eigene Geschichte mit sich.

Besonders spannend war dabei die Interaktion mit den Anhängern vor Ort. Während der Künstler die Murals malte, entwickelten sich die Wände zu Treffpunkten. Fans blieben stehen, diskutierten Erinnerungen, lieferten neue Ideen oder wiesen auf lokale Helden hin, die unbedingt verewigt werden mussten. Die Entwürfe waren zwar bereits von Verein und Marke freigegeben, doch erst auf der Straße wurden sie vollständig lebendig. Vielleicht ist genau das die Stärke von Gordopelotas Arbeit: Sie entsteht nicht über den Menschen, sondern mit ihnen.

Quilmes AC

Besonders emotional war für den bekennenden Boca-Juniors-Fan die Möglichkeit, bereits früher ein Projekt direkt für seinen Herzensverein umzusetzen. Als echter „Bostero“ nutzte er jede Minute auf dem Vereinsgelände aus, blieb länger als nötig, aß vor Ort und verwandelte den Auftrag kurzerhand in eine Ausrede, möglichst viel Zeit bei seinem Lieblingsclub zu verbringen.

Wer Gordopelotas Arbeiten betrachtet, blickt selten nur auf Fußball. Natürlich sind da die Vereinsfarben, die Gesänge, die Helden vergangener Jahrzehnte und die unzähligen Geschichten, die sich rund um die Stadien Argentiniens ranken. Doch zwischen all den Pilusos, Bannern und dicht gedrängten Figuren verbirgt sich etwas Größeres. Seine Murals handeln von Zugehörigkeit. Von den Orten, an die man immer wieder zurückkehrt. Von Menschen, die dieselben Lieder singen, dieselben Erinnerungen teilen und dieselben Geschichten von Generation zu Generation weitergeben. Fußball ist dabei weniger Thema als vielmehr Bühne.

Vielleicht liegt genau darin die besondere Qualität seiner Arbeiten. Sie sind tief in der argentinischen Alltagskultur verwurzelt und wirken gleichzeitig erstaunlich universell. Denn egal, ob man seine Wochenenden in Buenos Aires oder in einer organisierten Fanszene verbringt – jeder kennt dieses Gefühl, Teil eines Kollektivs zu sein, das größer ist als man selbst.

Gordopelota | Homepage   Instagram

Rosario Central
Racing Club de Avellaneda

Source: Gordopelota