Es gibt Kleidungsstücke, die zieht man an. Und es gibt Kleidungsstücke, die offenbar selbst eine Meinung dazu haben, was draußen gerade passiert. Willkommen bei der neuen Reactive Series von Lyle & Scott.

Wer sich schon etwas länger mit funktionaler Outerwear beschäftigt, dürfte beim Thema farbverändernde Materialien unweigerlich an die späten Achtziger denken. 1989 sorgte Stone Island mit seiner legendären Ice Jacket für offene Münder. Eine Jacke, die abhängig von der Außentemperatur ihre Farbe verändert? Damals wirkte das irgendwo zwischen italienischer Textil-Alchemie und Science-Fiction. Und wahrscheinlich ist genau das ein Grund, weshalb diese frühen Experimente bis heute einen gewissen Zauber besitzen.

Seitdem hat sich einiges getan. Technische Stoffe gehören längst zum Alltag, Funktionsbekleidung hat die Berge verlassen und sich in unseren Städten breitgemacht, und selbst eine Membran mit einer Wassersäule, die früher vermutlich ein halbes Outdoor-Forum in Ekstase versetzt hätte, entlockt heute kaum noch jemandem ein ehrfürchtiges „Ooooh“. Zeit also für neue Spielereien. Lyle & Scott hat sich für seine Reactive Series gleich mehrere davon vorgenommen. Das Motto lautet: When conditions change, our layers react. Und das ist in diesem Fall erfreulich wörtlich gemeint. Wärme, Wasser, UV-Licht und Dunkelheit sorgen dafür, dass sich die verschiedenen Pieces der Kollektion optisch verändern.

Ausgangspunkt des Ganzen war die bereits im vergangenen Jahr erschienene Heat Reactive Jacket. Offenbar kam das Experiment gut genug an, um daraus nun eine komplette kleine Familie zu machen. Neben der ursprünglichen Shell finden sich deshalb unter anderem gesteppte Jacken, Westen und Strick in der neuen Kollektion.
Nicht schlecht für eine Marke, die auf mittlerweile über 150 Jahre Geschichte zurückblicken kann. Der Golden Eagle lernt also noch ein paar neue Tricks.

Mein persönlicher Favorit ist die Water Reactive Shell Jacket. Im trockenen Zustand gibt sie sich noch relativ zurückhaltend. Kommt das Material allerdings mit Wasser in Kontakt, erscheint auf der Oberfläche ein Pattern. Mit anderen Worten: Ausgerechnet der Regen übernimmt hier einen Teil des Designs. Für alle, die bei grauem Wetter normalerweise eher schlechte Laune bekommen, vielleicht eine kleine Form der Wiedergutmachung.
Die Jacke selbst kommt mit einem boxy Fit und verbindet das visuelle Gimmick mit dem, was man von einer vernünftigen Shell erwartet. Schließlich bringt die schönste Verwandlung wenig, wenn man darunter aussieht wie ein begossener Pudel. Ob es aber wirklich ein Neuzugang werden sollte, weiß ich nicht.

Wer seine Textiltechnologie lieber etwas subtiler trägt, dürfte dagegen bei der Heat Reactive Quilted Jacket landen. Die gesteppte Jacke reagiert auf Temperatur und verändert dabei ihre Farbe von Brown zu Cove. Ein Feature, das erst auf den zweiten Blick verrät, dass hier mehr passiert als bei einer gewöhnlichen Quilted Jacket. Dazu kommt eine robuste Nylon-Konstruktion, die das Ganze erfreulich tragbar hält.

Und genau darin liegt wahrscheinlich der Reiz der Reactive Series. Lyle & Scott versucht nicht, das Rad der thermosensitiven Bekleidung neu zu erfinden. Das wäre angesichts der langen Geschichte solcher Materialien ohnehin ein ziemlich gewagter Claim. Stattdessen holt die Marke die Idee in ihre eigene Welt und macht daraus eine Kollektion, die irgendwo zwischen klassischer Sportswear, moderner Outerwear und textilem Experimentierkasten liegt.

Ob das heute noch denselben „Was zur Hölle passiert da gerade?“-Effekt auslöst wie 1989 in Ravarino? Vermutlich nicht. Und natürlich muss man solche Spielereien mögen. Eine Jacke, die bei Regen plötzlich ihr Muster wechselt oder abhängig von Licht oder der Temperatur die Farbe verändert, dürfte für den einen oder anderen ein paar Dezibel zu laut sein. Aber für andere wiederum hat eine Jacke, die erst bei Regen ihr eigentliches Muster zeigt, hat definitiv mehr Unterhaltungswert als die Wetter-App.

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Source: Lyle & Scott