Sapeur OSB over Land & Sea: 23 Stunden in Glasgow

Ob es der Rat der greisen Funktionäre im Frankfurter Stadtwald oder noch wesentlich höhere Mächte waren, bleibt wohl unbeantwortet. Jedenfalls wurde das Auswärtsspiel meiner Magier in Berlin auf einen Sonntagnachmittag terminiert. Somit war das Wochenende frei – zumindest von Freitag bis zum Spiel am Sonntag – und diese Leere galt es zu füllen. Die Reiselust und der innere Drang ließen mich die Flugpreise und mögliche Reiseszenarien durchspielen. Es löste eine kindliche Freude in mir aus, dass die Fluglinie mit der irischen Harfe von Frankfurt International auch Glasgow anfliegt. Die Flugzeiten und vor allem der aufgerufene Tarif von unter 40€ return ließen mich schon fast frohlocken. Jetzt noch schnell den Spielplan der Scottish Premiership prüfen. Yes, Jackpot! Samstag 15 Uhr Celtic Heimspiel gegen Motherwell. Hinflug morgens um 6:40 Uhr und Rückflug Sonntag um 8 Uhr. Die Truppe in Persona von Duckas und den Youngbloods von Camos_CYL war schnell gefunden. Um einen weisen Militärstrategen zu zitieren: „Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert“.

Im Büro gehöre ich ja immer zu den „Late in“ Kollegen, aber mit Ausblick auf ein gesundes, schottisches Frühstück schälte ich mich aus dem Bett; an einem Samstag um 4:30 Uhr klingelte der Wecker des Grauens… Zwei, drei Espressi später standen alle Ampeln auf Grün. Halt, nicht alle. Duckas musste leider wegen starken Schneefalls in Pas de Calais schon am Vorabend absagen und vom gebuchten Appartement fehlten trotz meiner Kontaktversuche jegliche Lebenszeichen. Seltsam, aber immer noch kein Grund zur Besorgnis. In Glasgow angekommen ging es mit dem Bus Numero 500 in Richtung Innenstadt. Die 500 spukte uns im City Center aus, wo wir erst einmal etwas planlos wie die anderen Zee Germans herumstanden. Kurz vor 9 Uhr, also erstmal frühstücken. Wo ist das nächste Pub? Der Hunger lotste uns in Richtung George Square, wo wir den heimischen Weihnachtsmarkt samt German „Bratwurst“ und „Currywurst“ Buden vorfanden. Paar Bilder machen, na klar. Aber net von den schönen Bauten oder dem Weihnachtsmarkt, sondern von einer Hinterhofgasse mit Unrat, Stacheldraht und Graffiti. Wir haben schon einen ganz schön an der Klatsche oder nett ausgedrückt: Die Geschmäcker sind verschieden. Unseren besonderen Geschmack testierte uns eine alte Politesse, die sich dort – vor neugierigen Blicken versteckt – an einer selbstgebauten Zigarette naschte, in der handelsüblicher Tabak nur homöopathisch enthalten war.

Gegen 9:30 Uhr betraten wir die heiligen Hallen von „The Counting House“ am St. Vincent Place. Viermal der Frühstücksklassiker des Hauses und die dazu passenden Erfrischungen in Form von Magners Cider und einen O-Saft. Da wir ja immer noch kein Lebenszeichen von unserem Apartment hatten, versuchte ich mein Glück erneut (schließlich wollten wir ja nicht die Shops mit unserem Gepäck erkunden müssen). Ich wählte, es klingelte. Schon einmal ein kleiner Erfolg, denn vorher war die Line einfach tot. Nach kurzer Zeit meldete sich eine Stimme und mir fiel wieder ein, dass ich mich jetzt ganz schnell an den schottischen Akzent gewöhnen muss. Kurz vorgestellt, mitgeteilt, dass wir gebucht hatten und auf eine freundliche Stimme gehofft. Klack! Aufgelegt. Was geht denn jetzt bitte ab?! Der Puls steigt. Da schüttelt jemand so früh am Morgen schon gewaltig am Ohrfeigenbaum. Zweiter Versuch. Die gleiche Stimme meldete sich und ich machte mich daran freundlich aber bestimmt nach der Buchung und dem Check-in zu erkundigen. Und schon beginnt die Stimme irgendetwas zu murmeln, von dem ich aber nur die wichtigen Eckpunkte verstehen konnte „No booking. Cancel. Refund.“ Mit meinem Frankfurter Charme in Kombination mit aufkeimender Aggression gab ich dem Typ zu verstehen, was ich von dieser Information hielt und warum diese nicht früher mitgeteilt werden konnte und wie verdammt ich noch mal an mein Geld komme. Keine Ausflüchte. Keine Entschuldigung. Stattdessen nur ein Klacken in der Leitung, das den Puls noch einmal nach oben schraubte. Einfach aufgelegt. Keine Entschuldigung. Nichts. Vermieter mit dem Charme des von der DFL eingeführten Videobeweises. Neues Spiel, neues Glück: Schnell die Seite von der „Buchung.Komm“-Seite aufgerufen, aber dank einem Netzwerk von Anonymität keine Telefonnummer gefunden und bei der Bestätigung auch nur wieder so eine „no reply“ Addy. Na ganz toll. Also das dämliche Kontaktformular ausgefüllt und den gesamten Hass auf die schottischen Hoteliers niedergeschrieben. Die bloody Rascals hatten den Ärger mitbekommen und hatten währenddessen bereits ein anderes günstiges Apartment nahe dem Celtic Park gefunden, dass dann auch direkt gebucht wurde. Nun gut, also doch mit Taschen die Stadt und Shops erkunden und dann einfach vor Anpfiff in die Bude.

Glasgow mag für viele keine Perle sein. „Es ist halt nicht Edinburgh“ sagen viele Schottland- Fans. Die Stadt ist anders und das machte für mich einen Besuch wiederum sehr attraktiv. Die Menschen sind kernig und Glasgow ist das moderne und kulturelle Herz im Norden der Insel. Viele sind jedoch von dem industriellen Image und dem Beinamen als gewalttätigste Stadt Großbritanniens abgeschreckt. Schon seit den 1950er Jahren tragen Gangs Konflikte aus und Berichten zufolge gab es im Jahr 2011 rund 170 aktive Banden, die vor allem in den Vororten ihre Revierkämpfe austragen. Von dem rauen Klima in der Stadt haben wir nur etwas durch die Junkies mitbekommen und dass die Schnellrestaurants wohl alle Toiletten mit blauen Licht ausgestattet haben. Dies soll (angeblich) dafür sorgen, dass das „Happy Meal“ nicht intravenös konsumiert wird. Kümmerte uns aber nicht weiter, denn die Szenerie kennen wir ja aus dem heimischen Bahnhofsviertel und die Camos Bhoys wollten lieben „Casual“ shoppen und das kann man in Glasgow wirklich sehr gut. Erste Station war Cruise Fashion, wo wir eher zufällig landeten. Von außen ziemlich übersichtlich und klein, aber durch eine Treppe ging es runter ins Basement wo ein riesiges Angebot an C.P. Company und Stone Island auf die Kundschaft wartete. Ich hatte bis dato noch nirgends so eine Auswahl der beiden Marken gesehen und von den Klassikern bis hin zu den ausgefallensten Teilen wurde angeboten was das Herz begehrt und der Dispo hergibt.

Der Tripp führte uns weiter zu End Clothing, die ursprünglich aus Newcastle stammen. Einer meiner ersten und immer noch bevorzugtesten Shops von der Insel. Ein überragendes Online Angebot und so war fast schon im Vorfeld klar, dass sich diese vermeintliche Perle „live“ zu einer Miesmuschel entpuppte. Wirklich fast nur dieser Hype-Marken-Rotz im übersichtlichen Angebot. Ich frage mich ernsthaft wer den ganzen Scheiß kauft und warum es hier so überdimensioniert angeboten wird?!? So schnell wie wir drin waren, waren wir auch schon wieder draußen.

Nächste Etappe war 18montrose. Ebenfalls ziemlich beeindruckende Stone Island Auswahl und mit einem sehr modernen Shop Design. Bei Xile Clothing, einem schottischen Retailer mit einer Topp-Auswahl an den üblichen „Stadiongänger“-Marken, wurde dann der Großteil der verbliebenen Zeit verbracht. Bei donnernden Electro Beatzs nutzten die Bhoys die Markenvielfalt von MA.strum, Barbour, Farah, Lyle & Scott, Aquascutum, Paul & Shark und was weiß ich noch, um zu checken worin man welche Größe hat und wo der größte Schnapp zu machen ist. Nach einer kurzen Orgie unter dem Motto „sich glücklich kaufen“ ging es noch schnell zu size? wo der adidas Köln und adidas Indoor Super (im begehrten claret & blue Colorway) in den gängigsten Größen noch verfügbar waren.

Nachdem Shoppen ist vor dem Spiel. Dazwischen fuhren wir noch rapido via Taxi vom City Center zum neu gebuchten Apartment. Nach kurzer Fahrt waren wir überrascht, wie nah es am Celtic Park lag. Gemunkelte acht Minuten Fußweg entpuppten sich als Fake-News, denn es lag direkt neben dem „Lisbon Lion Stand“. Bis zum Bezug der Bude hatten wir noch etwas Zeit und suchten uns in einer Gegend mit ähnlichem Charme wie Londons East Ends etwas zu futtern. Bis auf einen kleinen Imbiss hatte nichts offen und so fiel die Wahl auf frittiertes Undefinierbares…“to go“. Um 14 Uhr ging es ins Apartment, wo dann erst einmal aufgetischt wurde. Das Essen entpuppte sich geschmacklich als Burger mit Chips. Um genau zu sein: Nix Brötchen. Nix Salat. Nur Burger-Patty frittiert und Pommes frittiert 🙂 Okay, wir sind zu Gast im Land der großen Fritteuse. Würde mich nicht wundern, wenn sie hier auch eine Salatgurke oder Blumenkohl frittieren und es als Well fit-Gemüse anbieten.

Den Luxus der nahen Anreise im Rücken ging es um 14:40 Uhr in Richtung Celtic Ticket Office, wo wir schnell unsere hinterlegten Karten in Empfang nahmen und kurz das Treiben vor dem Ground anschauten. Der Celtic Park macht schon bös was her. Wir hatten unsere Karten für Paradise in der Tasche und schauen uns gleich ein Spiel von The Hoops an. Perfekter Samstag auf der Insel. Den Beinamen „Paradise“ hat das Stadion übrigens vom nahegelegenen Friedhof von den Fans erhalten. „It’s like leaving a graveyard to enter paradise“ und so finden sich überall im Stadion auch auf den Schildern die Hinweise zum Beinamen wieder. Ziemlich geile Hütte mit steilen Rängen. Eben genau so stellst du dir ein Fußballstadion auf der Insel vor. Ja ja, ihr ganzen Groundhopper. „Celtic wird überschätzt“…bla ..bla…bla. Irgendwie teilen sich Groundhopper und Sneakerheads in gewisser weise die gleiche Arroganz und dieses gemeinsame „Alter Hut“-Getue. Dabei würden erstgenannte sogar noch ihre Großmutter bei der Spritrechnung abziehen und die andere Spezie teilt doch auch nur das gleiche Schicksal wie Al Bundy. Nur tragen sie selbst im Hochsommer noch ihr Beanie auf dem rasierten Schädel.

Pünktlich zum Anpfiff nahmen wir unsere Plätze auf der Lisbon Lions Upper ein. Oberrang der Hintertortribüne, die wir als Heimkurve einschätzten. Die allen Anschein nach doch sehr jungen Mitglieder der „Green Brigade“ gaben die ersten zehn Minuten ordentlich Gas. Auf dem Platz dominierte Celtic und dies war auch durch den Endstand von 5:1 überaus deutlich. Motherwell steckte aber nie auf und versuchte über die gesamte Spielzeit immer wieder nach vorne zu spielen. Die erste schottische Profiliga ist jedoch definitiv keine Feinkost und so gab es auf beiden Seiten diverse Slapstick Einlagen in der Verteidigung oder bei den Torhütern, die vor allem die deutsche Reisegruppe sehr erheiterte. Am Ende wurde das Spiel jedoch durch die individuelle Klasse der Spieler in den grün-weiß gestreiften Trikots entschieden. Gut ins Ohr ging übrigens die Version von „Kingston Town“, die jeweils nach den Toren angestimmt wurde oder auch „Last Christmas“, dass die ersten 10 Minuten der zweiten Halbzeit intoniert wurde. War jetzt nicht alles in einer überragenden Lautstärke, aber hatte Charme, die Melodien gingen gut rein und man muss sich das hier einfach mal im Europapokal oder halt im Old Firm geben. Das könnte den Celtic Park zum Kochen bringen. Einmal „I just can´t get enough“ von 40.000 Zuschauern wäre ein Knaller.

Nach Abpfiff ging es nach einem kurzen Stopp im Apartment weiter in die Stadt. Reiseziel: unfrittierte Nahrungsaufnahme. Mangels Anlaufpunkte entschieden wir uns für „Italian Kitchen by Jamie Oliver“, wo uns die nette Dame am Empfang noch eine Stunde vertröstete und wir die Zeit nutzten, den örtlichen Weihnachtsmarkt zu besuchen. Hier war natürlich einiges los und generell scheinen die Leute hier sehr ausgehfreudig zu sein. Wir steuerten zielstrebig die Letter an, die gemeinsam mit dem Riesenrad am deutlichsten zu vernehmen waren „Rekorderlig Cider“. Bingo, jetzt wird schön einer reingestellt. Der abgesperrte Alkoholbereich(!) hatte nur einen Anlaufpunkt und das war die Hütte der Schweden, die frischgezapften, heißen oder Cider aus der Dose im Angebot hatten. Dazu noch Livemusik von jemanden der vermutlich in der Vorrunde von „The Voice of Glasgow“ scheiterte; seine Liedinterpretationen waren doch sehr speziell. Doch der Erfolg gab ihm Recht, denn der dortigen Damen gefiel es. Apropos Damen: Alkohol, keine Kinder in der Nähe, zeigen was man bzw. Frau in der Auslage hat auf der Suche nach Blickkontakt. Der „Appetite“ war groß, doch zog er uns hungerbedingt zum Fernsehkoch zurück. Dort hatten wir den verwirrtesten Ober bekommen, den sie im Mitarbeiterkreis hatten. Quasi einer von uns. Die doppelte Vorspeise zum Nulltarif milderte dann die 6 GBP für den Bio Cider und wir zogen los, um Robert Chambers von „Social Recluse“ einen Besuch abzustatten.

Wir durften euch Bob schon einmal auf unserer Blogbühne vorstellen. Celtic Fan und Künstler, der u.a. adidas Trainer mit berühmten Songs und Bands in Szene setzt. Leider gibt es auch hier einige Trittbrettfahrer im www, die seine Designs klauen. Der gute Mann hatte vor einem Jahr seinen Shop in Glasgow eröffnet und feierte heute Jubiläum. Tagsüber hatten wir schon telefonisch Kontakt, verpassten uns aber ständig zu treffen. Da Bob auch bei unserem Soli Kalender mitgewirkt hatte und ich ihn noch nicht persönlich treffen konnte, war das heute für mich ein Pflichtbesuch. Gut 10 Minuten zu Fuß vom George Square entfernt liegt sein kleiner Shop und das heutige Motto war „Bowie Night“. Die Party startete um 19:30 Uhr und wir waren erst gegen 22 Uhr da. Bob und seine Gäste waren schon gut dabei, um nicht zu sagen rabenschwarz und so fiel die Begrüßung dann auch sehr euphorisch aus. Damit wir zur Aufholjagd starten konnten, hatte er uns direkt diverse Dosen Stella hingestellt und wir checkten erst einmal den Shop, die Kunstwerke und Gäste. Man weiß ja, dass ab einer bestimmten Uhrzeit solche Parties mit „Fußballern“ aus dem Ruder laufen können und Glasgow hat da ja diesen gewissen Ruf. Aber hier war alles cool und die Leute hatten ihren Spaß. Wir sind allen vorgestellt worden und die Lads waren sehr an unserem Heimatverein und Szene interessiert.

Es entwickelte sich ein lustiger Abend und man lernte per Zufall einen guten Freund vom leider verstorbenen Mark Allison kennen, dem adidas dieses Jahr den Mallison SPZL widmete. Bobby, ein super Typ mit lustigen Geschichten und ebenfalls sehr am deutschen Fußball interessiert, schenkte uns dann auch prompt einen Pin seinen Klubs Airdrieonians FC. Wer er war, erfuhr ich allerdings erst am nächsten Tag als er mich kontaktierte und ich dann checkte, dass ich ihm in Instagram bereits folgte. Die Welt ist manchmal so ein verdammt kleines Dorf mit so vielen kuriosen, aber auch charismatischen Menschen. Kurz bevor wir uns verabschiedeten überreichte mir Bob von Social Recluse noch Poster mit dem abgewandelten „Mai 2018“ Kalendermotiv. Totaler Wahnsinn. Der Typ hält sich kaum noch auf den Beinen und unter einem Berg von leeren Bierdosen hatte er sicher für den Fall, dass ich wirklich vorbeikomme die Poster griffbereit gelagert. Ein Gegenbesuch oder ein erneuter Glasgow Besuch wird folgen. Thank you very much Bob & Bobby G!

Sonntag ging es um 6 Uhr mit dem Taxi zum Flughafen und um 12 Uhr war ich wieder mit einer kleinen schneefallbedingten Verspätung wieder daheim. Trotzdem ptimal!

Resümee
Dank der irischen Harfe für schmales Geld nach Schottland geflogen und endlich mit einem Celtic Heimspiel den längst fälligen „Länderpunkt Schottland“ eingetütet. Mit den Camos Bhoys ne coole Truppe mit dabei gehabt, die auch beim nächsten Trip auf die Insel wieder am Start sein wird. Durch mein Hobby namens Sapeur – OneStepBeyond die Leute persönlich kennenzulernen, die man auf dem Blog vorstellt, ist und bleibt die größte Freude. Vor allem wenn man mit Bob und Bobby G zwei super Typen kennengelernt hat, die einen Besuch des Old Firms in der neuen Saison und einen längeren Aufenthalt in Glasgow auf meine Planungen für 2018 setzten. Cheers!