Manchmal stolpert man über ein Buch nicht, weil es einem ins Auge springt, sondern weil jemand anderes einen kleinen Funken Neugier platziert. In diesem Fall war es Marlon. Und dann dieser Name: Hubertus Koch. Bei vielen von euch dürfte es da sofort klicken. Y-Kollektiv, investigative Dokus, unbequeme Perspektiven. Spätestens mit „Polizeigewalt. Kein Freund, kein Helfer“ hat Koch sich fest ins kollektive Gedächtnis jener eingebrannt, die Journalismus nicht als PR verstehen.

2025 erschien nun sein Buch Lost Boy. Und das ist kein weiteres Reporter-Heldenepos, kein „Ich war dort, wo es weh tut“-Best-of. Lost Boy ist leiser, persönlicher – und genau deshalb so treffend für eine ganze Generation.

Hubertus Koch, Jahrgang 1989, aufgewachsen in Dorsten, hatte früh auch dieser Drang: erzählen, sprechen, verstehen. Mit 19 landet er beim Sportfernsehen, mit 23 folgt der erste Burnout. Euphorie, Überforderung, Sinnkrise – ein Muster, das sich durchzieht.
Mit Mitte zwanzig sucht Koch nicht mehr nur nach Jobs, sondern nach Bedeutung. Er reist nach Syrien, dreht die Independent-Reportage „Süchtig nach Jihad“, gewinnt später den Deutschen Fernsehpreis. Es folgen Filme über Flucht und Migration, Gründungsmitgliedschaft beim Y-Kollektiv, eigene Formate, Auszeichnungen – und immer wieder: Erschöpfung.

Lost Boy beginnt dort, wo viele von uns heimlich schon standen: kurz vor der Dreißig, innerlich leer, äußerlich funktionierend. Hubi kündigt. Einfach so. Und zwar doppelt – erst seinen Job, dann seine ständige On-off-Beziehung. Kurz zuvor noch mit dem Grimme Online Award für Einigkeit & Rap & Freiheit ausgezeichnet, steigt er wenig später in einen Billigflieger nach Sarajevo. One Way. Nicht, um sich zu finden – sondern um sich einzuholen.

Was folgt, ist kein klassischer Reisebericht. Es ist eine Abrechnung mit der Leistungsgesellschaft, mit dem ewigen Hustle, mit der Frage, ob Arbeit wirklich Sinn stiftet oder nur Zeit frisst. Es geht um Social Media und seine Täuschungen, um Drogenkonsum, Beziehungsunfähigkeit, um dieses diffuse Gefühl von Weltschmerz, das viele seiner Generation kennen, aber selten so klar formuliert sehen.
Und dann sind da diese kleinen, fast beiläufigen Momente: Gespräche mit Fremden, Reisebekanntschaften, Beobachtungen am Straßenrand. Kein Content, kein Zweck, kein Ziel.

Besonders hängen bleibt eine Szene in Albanien: ein dunkler Keller der dortigen Ultras und vercrackte Typen, Rauch in der Luft, Lines auf dem Tisch. Für einen Moment kippt das romantische Narrativ des freien Reisens in etwas Bedrohliches. Organisierte Kriminalität? Schlechte Idee? Vielleicht.

Über 260 Seiten lang entfaltet sich dieses Buch wie ein innerer Monolog, der erstaunlich oft auch der eigene ist. Der Rohstoff entsteht unterwegs, in sechs, sieben Wochen – geschrieben wird daran jedoch immer wieder, über Jahre hinweg. Nichts daran wirkt geschniegelt oder fertig gedacht.

Lost Boy ist eine schroffe Abrechnung und gleichzeitig ein zarter Love-Song. Eine Ode an das Analoge, an das Chaos, an das bloße Beobachten. An eine Welt, die hässlich sein kann – aber schön wird, wenn man nichts von ihr will.

Lost Boy
Hubertus „Hubi“ Koch

272 Seiten
ISBN 9783864932786
Erscheinungstag 13.03.2025
Ullstein Buchverlag