Berlin (Fashion Show) sehen……..und wieder nach Hause fahren


Überrascht und verwundert würde ich mein Empfinden beschreiben, als ich von unserer „Einladung“ zur Fashion Week erfuhr. Ja und warum sollten wir nicht hinfahren? Reisen bildet schließlich! So begaben wir uns via ICE auf einen dreitägigen Trip in die Szenehauptstadt.

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Wer an „Fashion Week“ denkt, sieht vor seinem geistigen Auge wahrscheinlich grimmig dreinblickenden Magermodells auf einem Prêt-à-porter Catwalk, flankiert von schwarzgekleideten Damen und Herren jenseits der Fünfzig, in einer sterilen weißen Halle. Das gibt es. Überdies aber noch weitere Messen, die alle insgesamt unter dem Label „Fashion Week“ firmieren. Wir besuchten beispielsweise die Messen Bright, SEEK und Premium. Dort wurden die Herbst-Winter-Kollektionen 2016/17 der Marken gezeigt, die wir eines Tages selbst tragen bzw. die uns interessieren. Exemplarisch nenne ich mal Fred Perry, Ben Sherman, Alpha Industries, Stutterheim, Saucony, tuktuk, Fila und Reebok. Die Messe Premium – nomen est omen – zeigte gehobenere Marken, wobei unser Fokus dort auf C.P. Company, Napapijri, Parajumpers, Nemen und Chevignon lag. Stone Island, Lyle & Scott und M.A.Strum waren (leider) nicht vertreten.

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Wir waren erstmal etwas geflasht von dem Publikum. Dort war die Crème de la Crème der Modeaffen anzutreffen: Groteske Verkleidungen, wie sie sonst nur in Filmen von Tim Burton, bei Manga-Conventions oder beim Wave-Gotik-Treffen anzutreffen sind. Die androgynen Erscheinungsbilder, die Unisex-Kleidung in Kombination mit dem Dutt bzw. Zopf auf dem Kopf, egalisierten eine Stückweit die Geschlechter. Ach, da fällt mir ein, wir haben Max Herre gesehen. Was Frisuren, Habitus und Kleidung betrifft, fielen wir dezent aus der Rolle. Doch jeder wie er mag, leben und leben lassen….

Fotos waren (meist) nicht erlaubt und Fragen konnte man sich eigentlich auch sparen. Die Leute an den Ständen waren im Regelfall nicht Angestellte der Marke selbst, sondern von einer Agentur und dementsprechend nicht vom Fach oder gaben sich wie Neurochirurgen, obwohl sie unter dem Strich nur Klamotten verkaufen. Drei löbliche Ausnahmen möchten wir daher aber gezielt hervorheben. Zunächst Alpha Industries, tuktuk und Ben Sherman, wo wir sehr detailliert die Kollektion gezeigt und erläutert bekamen. Und dann war da noch Unfair Athletic. Die Jungs haben uns erstmal ganz herzlich mit einem Bier Empfangen und uns im Anschluss ausgiebig ihre Kollektion vorgestellt. Wir schreiben das nicht zum ersten Mal, denn wir schreiben das immer wieder: Die Qualität ist einfach sensationell! Danke nach MUC.

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Am zweiten Tag besuchten wir die Premium. Dort war das Publikum anzutreffen, wie man es am ehesten aus dem Fernsehen kennt. Modells mit Modellfiguren, alternde Mode-Manager mit dem Kleidungsstil eines Teenagers, Botox-Damen mit Hündchen (die sie in Kinderwägen durch die Gegend schoben!). Bussi hier, Küßchen da und überall Stone Island. Unfassbar, in welcher Intensität Stone Island-Klamotten ins Auge fielen und welche Leute die Marke trugen. Da war ich heilfroh, eine andere Garderobe gewählt zu haben.

Auch bei dieser Messe überwog die Enttäuschung. Bei C.P. war gar nichts los, was sowohl den Stand als auch die Kollektion betraf. Nachdem die Marke jetzt nach Fernost verkauft wurde, erhoffen wir uns (leider) keine Besserung. Hingegen haben wir bei NEMEN recht viel Zeit verbracht. Dort wurden uns die Konzeption der Jacken und der Materialien nicht nur detailliert vorgestellt, sondern auch gleich einem Test mit Wasser unterzogen. Freut euch auf den nächsten Winter und merkt euch bitte: NEMEN.

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Auf die ganze Meckerei, folgt jetzt mein Highlight. Unverhofft kommt oft und im konkreten Fall ereignete sich in dem Moment, als ich vor einer Jacke stand und mir dachte „geil, die muss ich haben.“ Dann registrierte ich die Marke und dachte “ ja sehr geil, die wollte ich schon lange haben“. Leider gibt’s die in Deutschland nicht überall, aber wo wir schon mal hier sind: „Fragen, alternativ klauen….“. Kurzum, ich wurde nicht straffällig und besagte Marke ist Grunge John Orchestra.Explosion, IMG_4965die wir euch Ende letzen Jahres vorgestellten – klick hier. Die Jungs aus Russland müssen bei der Konzeption der Jacken, den sibirischen Winter im Sinn gehabt haben. Solch schwere und wertige Jacken kenne ich sonst nur von alten Chevignon-Vollleder-Exemplaren. Ich rede hier von vorneweg vier Kilo Gewicht. Das Außenmaterial erinnert dabei an dicke und schwere gewachste Baumwolle, wie ich es nur von Kohten (ihr wisst schon, die schwarzen Pfadfinderzelte) her kenne. Zudem habe ich noch nie so massive Reißverschlüsse gesehen, nirgends. Zähne und Schieber waren etwa viermal so groß wie bei üblichen Reißverschlüssen. Stilvolles langlebiges Design, gepaart mit hoher Qualität ist ja genau meins. Einen Porsche oder eine Omega kaufst du einmal und hast zeitlebens Spaß daran, mit einer solchen Jacke verhält es sich ähnlich. Mittlerweile muss man auch nicht mehr nach Moskau reisen um an die Jacken zu kommen, ein Besuch bei The Listener in der Frankfurter Innenstadt genügt völlig. Wer jetzt Blut geleckt, aber grad nix auf der Tasche hat, geht halt zwei drei Mal erfolgreich in die Spielo oder bleibt ebenso viele Wochenenden mit dem Arsch Daheim. Dann sollte es gehen.

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Kommen wir nun zu etwas völlig anderem: Die sogenannte Scheinkorrelation! Sie beschreibt ein scheinbares Phänomen der Statistik, wonach beispielsweise die Wechselbeziehung zwischen der Zahl der Kindergeburten und der Zahl der Storchenpaare in verschiedenen Regionen. Obwohl es eine Korrelation zwischen der Zahl der Geburten und der Zahl der Storchenpaare gibt, gibt es keinen unmittelbaren kausalen Zusammenhang. Entsprechend verhält es sich in Berlin mit der Hundekotdichte auf Gehwegen und stylischen Restaurants mit gutem Essen.

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Versteht mich nicht falsch, nichts gegen ein Straßenbild mit verwahrlosten Komplettversagern, aber warum müssen die alle Hunde haben, die sie überall hinscheißen lassen? Sei’s drum, in den Lokalitäten trafen wir jedenfalls keine Hunde an. Eine der besten Pizzas nördlich von Sizilien gibt es wohl im „Il Due Forni“, nahe des Senefelder Platzes in Prenzel-Schwaben. Dürfte bekannt sein. Ebenfalls das „BBI – Berlin Burger International“ in Neu-Kölln, wo wir aus Platzgründen leider nicht schmausen konnten. Unser bisher bestes Pulled Pork haben wir im „Dudes“ in der Schlesischen Straße in Kreuzberg gegessen. Der in derben Holz gehaltene Laden erinnerte mich an eine Mischung aus K.I.Z.’s Haus in Neu-Ruppin und der Hütte am Alaussee aus Spectre, in der Bond seinen alten Widersacher Mr. White besucht. Garniert mit den ganzen Whisky-Flaschen, den Craft-Bieren und der Rock und Wave-Musik, könnte ich mir das Lokal gut als Wohnzimmer vorstellen.

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Apropos Craft-Bier, ein sagenhaftes selbstgebrautes Pale Ale und ein selbsthergestellter Cidre wurde im „Hops and Barley“ in Friedrichhain kredenzt. Die dunklen Holzmöbel, die massive Theke und die portugiesischen Kacheln an der Wand, würden ebenfalls ein gutes Wohnzimmer-Interieur abgeben.

Das schönste an Berlin ist die Heimfahrt. Vorher wollten wir uns am Hauptbahnhof noch schön ein paar Biere reinschmuggeln, doch gibt es in dieser Missgeburt von Hauptbahnhof keine Kneipe! Versiffte Donut-Läden, schnorrende Obdachlose an Schnellrestaurant-Schaltern, aber kein Bier! Das bestätigt meine Hypothese vom potjomkinschen Dorf rund um das Regierungsviertel: Alles Fassade. Ein Bahnhof ohne Kneipe ist eine Farce. Da muss man nicht selbst fahren, kann also trinken und weit und breit keine Kneipe!?! Welchen Sinn ergibt es bitte schön? in dieser ganzen traurigen Stadt steht an jeder Ecke ein „Lebemann“, in der Hand eine Flasche Sterni (in der anderen ein Hund….) und ausgerechnet am sogenannten Hauptbahnhof gibt es dann kein Bier. Traurig ist das.

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Als wir dann so im Zug gen Heimat saßen – nüchtern- musste ich an die letzte Szene von Homer und New York denken, auf die Frage „Und, fahren wir das nächste Mal wieder hin?“ antwortete ich grummelnd „Mal sehn, mal sehn….“.

Unser Fazit: Interessant war es. Reisefreudig sind wir stets. Gut gegessen und getrunken haben wir auch. Aber vielleicht kommt uns nächstes Jahr hoffentlich was dazwischen.

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Von Bobo van Dalen