Hearts führte die schottische Liga fast eine ganze Saison lang an. Zwei Spiele vor Schluss fehlten vier Punkte zur ersten Meisterschaft seit 66 Jahren. Dann kam der Fußball. Die Copa90-Doku „How Hearts Lost The Title After 250 Days On Top“ erzählt von einer Woche in Edinburgh, in der aus Hoffnung Euphorie wurde, aus Euphorie Angst und aus Angst schließlich diese ganz besondere Leere, die nur dieser verdammte Sport erzeugen kann. Eine grandiose Dokumentation über alles, weshalb wir Fußball lieben. Und manchmal dafür hassen.

250 Tage Himmel. 90 Minuten Hölle.

Es gibt diesen einen verhängnisvollen Moment im Leben eines Fußballfans. Den Moment, in dem man anfängt zu rechnen. Noch vier Punkte. Nur vier. Vier Punkte aus zwei Spielen. Ein Sieg und ein Unentschieden. Mehr braucht es nicht.

Und plötzlich beginnt das Gehirn, Dinge zu tun, die es besser bleiben lassen sollte. Man schaut auf Tabellen. Auf Restprogramme. Auf Tordifferenzen. Man führt imaginäre Gespräche mit Menschen, die längst nicht mehr leben. Man stellt sich vor, wie es wäre. Man denkt an die Party. An den Schlusspfiff. An die Arme um den Hals wildfremder Menschen. Vielleicht sogar daran, was man am Montag danach zur Arbeit anzieht.

Und irgendwann begeht man die größte Sünde, die einem Fußballfan möglich ist: Man glaubt daran. In Edinburgh glaubten sie. Natürlich glaubten sie. Wie hätten sie auch nicht?

Heart of Midlothian hatte in der Saison 2025/26 etwas getan, das im schottischen Fußball beinahe unvorstellbar geworden war. Die Jambos hatten sich zwischen Celtic und Rangers gedrängt – nein, schlimmer noch: Sie standen über ihnen. Wochenlang. Monatelang. 250 Tage lang. Die halbe Stadt begann zu träumen.
Gorgie, dieser Teil Edinburghs, in dem Tynecastle steht, wurde zum Epizentrum einer Hoffnung, die mit jedem Spiel ein bisschen weniger absurd wirkte. Anfangs hatte man vermutlich noch gelacht. Dann gerechnet. Dann vorsichtig genickt.
Und irgendwann wusste jeder: Scheiße. Das könnte wirklich passieren.

Nach mehr als vier Jahrzehnten Old-Firm-Dominanz konnte ausgerechnet Hearts schottischer Meister werden. Zum ersten Mal seit 66 Jahren. Vier Punkte fehlten noch. Falkirk und Celtic warteten. Vier Punkte zwischen einer Fußballmannschaft und der Unsterblichkeit. Was sollte schon schiefgehen? Nun. Football, bloody hell.

Zum Glück war Eli Mengem da. Der Copa90-Regisseur und Moderator reist für die letzten beiden Spiele nach Edinburgh. Und vielleicht liegt genau darin die große Stärke von „How Hearts Lost The Title After 250 Days On Top“: Die Dokumentation versucht gar nicht erst, diese Geschichte aus sicherer Entfernung zu erzählen. Sie geht hinein. In die Pubs. Auf die Straßen. Zu den Menschen. In diese eigentümliche Mischung aus Vorfreude und Todesangst, die entsteht, wenn Fans merken, dass ein Ereignis, von dem sie ihr halbes Leben geträumt haben, plötzlich tatsächlich stattfinden könnte.

Copa90 interessiert sich dabei weniger für Pfeildiagramme, Expected Goals und die Frage, ob Hearts im linken Halbraum genügend Überladungen erzeugt. Zum Glück. Denn Fußball wird zwar auf Rasen gespielt. Aber seine wichtigsten Szenen finden häufig ganz woanders statt. In Gesichtern. Da ist dieses Grinsen, das man zu unterdrücken versucht. Dieses nervöse Lachen. Diese Blicke. Menschen sagen Sätze wie Fußballfans sie eben sagen, wenn sie hoffen, ohne zu hoffen, weil Hoffnung bekanntlich gefährlich ist. Niemand möchte derjenige sein, der es ausspricht. Niemand möchte das Schicksal provozieren.
Aber natürlich hat längst jeder dasselbe Bild im Kopf. Hearts. Meister. Schottischer Meister. Allein diese drei Wörter wirken zunächst wie ein Tippfehler. Und dann plötzlich wie eine bevorstehende Realität.

Vielleicht besteht die größte Gemeinheit dieses Sports darin, dass Hoffnung proportional zu ihrer Größe immer zerbrechlicher wird. Wer auf Platz elf steht und am letzten Spieltag Platz zehn erreicht, freut sich. Wer aber 66 Jahre wartet, 250 Tage die Tabelle anführt und zwei Spiele vor Schluss vier Punkte von der Meisterschaft entfernt ist, trägt plötzlich etwas viel Schwereres mit sich herum. Eine Zukunft. Man kann sie schon sehen. Fast anfassen. Und genau deshalb kann man sie verlieren.

Die Copa90-Doku versteht das meisterhaft. Sie weiß, dass die Fallhöhe nicht am letzten Spieltag entsteht. Sie baut sie vorher. Minute für Minute. Gespräch für Gespräch. Gesicht für Gesicht. Die Kamera beobachtet Menschen, die sich erlauben zu träumen. Erwachsene Männer werden wieder zu Kindern. Alte Erinnerungen tauchen auf. Geschichten werden weitererzählt. Die Vergangenheit sitzt plötzlich mit am Tisch.

Denn Hearts spielt nicht nur gegen Falkirk und Celtic. Hearts spielt gegen 66 Jahre.

Gegen die Erinnerung an 1986.
Gegen all die verpassten Gelegenheiten.
Gegen Celtic und Rangers.
Gegen die vermeintliche Naturordnung des schottischen Fußballs.
Und gegen diesen unsichtbaren Gegner, gegen den noch niemand dauerhaft gewonnen hat: den Fußball selbst.

Denn Fußball ist häufiger grausam als freundlich. Das wissen wir eigentlich. Wir vergessen es nur immer wieder. Sonst würden wir vermutlich nicht mehr hingehen.

Dann kommt der Celtic Park und mehr möchte ich nicht vorwegnehmen. Schaut euch diese toll gemacht Doku an und schnallt euch an, denn sie nimmt euch mit auf eine Achterbahn der Gefühle. Denn die vielleicht größte Leistung von Copa90 besteht darin, dass man diese Dokumentation nicht als neutraler Beobachter beendet.

Selbst wenn man noch nie in Tynecastle war.
Selbst wenn einem Hearts vorher herzlich egal war.
Selbst wenn man die schottische Liga normalerweise nur dann wahrnimmt, wenn Celtic und Rangers sich gegenseitig die Schienbeine polieren.

Irgendwann ist man drin. Man beginnt ebenfalls zu rechnen. Vier Punkte. Man beginnt ebenfalls zu hoffen.

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