Hand aufs Herz: Wer erinnert sich noch an jedes Ergebnis irgendeines 16. Spieltags vor fünfzehn Jahren? Eben. Aber spiel die ersten Takte einer Vereinshymne, eines alten Kurvenklassikers oder dieses einen Songs, der untrennbar mit einer Auswärtsfahrt, einem Aufstieg oder dem Erreichen des Europapokals verbunden ist – und plötzlich ist alles wieder da.

Der Block. Die Leute. Der Geruch. Das Bier. Die Fahnen. Dieses nervöse Gemurmel kurz vor dem Anpfiff. Und dann singen alle. Fußball hat eben nicht nur Bilder. Fußball hat einen Sound.

Gunnar Leue hat diesem Sound mit „You’ll Never Sing Alone!“ ein ganzes Buch gewidmet. Und bevor jetzt jemand erschrocken an eine 256 Seiten starke wissenschaftliche Abhandlung über das korrekte Intonieren von „Schalalalala“ denkt: Entwarnung. Das hier macht Spaß.

Gunnar erzählt nicht weniger als die Kulturgeschichte der Fußballmusik. Von den ersten Gesängen rund um den modernen Fußball des 19. Jahrhunderts bis zu Ultras, Eventarenen und dem musikalischen Kommerzoverkill der Gegenwart.

Dabei wird schnell klar: Musik war beim Fußball nie bloß Hintergrundbeschallung. Sie war mittendrin. Vereinshymnen, Fangesänge, Popsongs, WM-Hits, obskure Schallplatten, spontan erfundene Kurvenmelodien und jene Refrains, bei denen musikalisches Talent traditionell deutlich weniger wichtig ist als Lautstärke – all das gehört zur Geschichte dieses Spiels.

Und vermutlich wäre Fußball ohne diesen Sound niemals zu dem geworden, was er heute ist. Denn ein 1:0 kann irgendwann aus dem Gedächtnis verschwinden. Der Gesang danach eher nicht.

Chronologisch geht es durch sieben Epochen Fußball- und Musikgeschichte. Los geht die Reise 1863, als noch niemand „Eventisierung“ sagte und wahrscheinlich auch niemand ahnte, dass Fußballer irgendwann eigene Singles aufnehmen würden.
Dann kommen Starkult und Massenbegeisterung, die ersten Vereinshymnen, die globale Fußballkultur nach dem Zweiten Weltkrieg und natürlich jene wunderbaren Jahrzehnte, in denen offenbar irgendwann jemand auf die Idee kam: Dieser Fußballer ist populär. Gebt ihm ein Mikrofon!

Die Fußballpop-Welle der 60er- und 70er-Jahre nimmt entsprechend einigen Raum ein. Später folgen Entertainisierung, Vermarktung und schließlich jene Gegenwart, in der manchmal nicht ganz klar ist, ob man gerade ein Fußballspiel besucht oder versehentlich in eine gigantische Samstagabendshow geraten ist.

Aber Gunnar macht daraus keine trockene Jahreszahlenparade. Stattdessen gräbt er Geschichten aus. Und was für welche. Ein besonderes Highlight sind die Ausflüge in die große, manchmal durchaus gefährliche Welt der singenden Kicker. Er stellt eine „Weltauswahl singender Fußballer“ zusammen. Ein Traum! Schon dafür kann man dieses Buch eigentlich mögen. Denn die Geschichte des Fußballs ist eben auch eine Geschichte von Menschen, die auf dem Rasen Weltklasse waren und im Tonstudio… nun ja… ebenfalls anwesend.
Manche dieser Aufnahmen sind heute Kult. Manche kurios. Manche rühren einen auf merkwürdige Weise. Und bei anderen stellt sich vor allem die Frage, warum damals offenbar niemand im Studio den Mut besaß, irgendwann einmal zu sagen: „Jungs, vielleicht lassen wir das.“ Zum Glück hat es niemand getan. Denn gerade diese musikalischen Irrwege sind heute herrliche Zeitdokumente. Sie erzählen vom Starkult ihrer Epoche, vom Verhältnis zwischen Fußball und Pop – und von einer Zeit, in der die Plattenindustrie offenbar fest davon überzeugt war, dass ein guter rechter Fuß automatisch auch für eine Single reichen müsse.

Überhaupt ist das Buch besonders stark, wenn Gunnar die Verbindungslinien zwischen Fußball und Popkultur zieht. Welche Musiker standen selbst in den Kurven? Wer engagierte sich für seinen Verein? Wie wanderten Melodien aus der Popmusik ins Stadion und von dort wieder zurück? Wann wurde aus einem simplen Lied eine Hymne? Und natürlich begegnet uns irgendwann auch jener Song, der dem Buch seinen Titel geliehen hat: „You’ll Never Walk Alone“

Aber er bleibt erfreulicherweise nicht bei den üblichen Verdächtigen stehen. Er wühlt tiefer in der Plattenkiste. Und genau dort wird es richtig interessant. Vergessene Vereinssongs. Obskure Produktionen. Fußballstars am Mikrofon. Merkwürdige Cover. Musikalische Randnotizen, bei denen selbst Menschen, die seit Jahrzehnten Fußballkram sammeln, gelegentlich denken dürften: Das kann doch unmöglich wirklich veröffentlicht worden sein. Doch. Wurde es. Zum Glück.

Bei aller Unterhaltung steckt in „You’ll Never Sing Alone!“ aber auch eine größere Frage. Was passiert eigentlich mit der Fankultur, wenn Fußball immer stärker zum perfekt durchinszenierten Unterhaltungsprodukt wird? Das Stadion war und ist schließlich einer der wenigen Orte, an denen Tausende Menschen freiwillig gemeinsam singen. Menschen unterschiedlichster Herkunft, Berufe und Generationen stehen Schulter an Schulter und brüllen dieselben Lieder.

Gleichzeitig sind moderne Arenen längst Orte professioneller Inszenierung geworden. Einlaufmusik, Lichtshows, Werbeclips, Torjingles, Halbzeitunterhaltung – kaum eine Sekunde bleibt dem Zufall überlassen.
Gunnar erzählt auch diese Entwicklung. Von spontaner Fankultur bis zur Eventisierung. Von selbst erfundenen Gesängen bis zum Sounddesign moderner Fußballarenen. Und schließlich vom Widerstand der Ultras gegen die zunehmende Kommerzialisierung des Spiels.

Und dann muss man über die Optik reden. Denn „You’ll Never Sing Alone!“ ist nicht nur ein Buch zum Lesen, sondern auch eines zum Blättern, Entdecken und Hängenbleiben. Historische Fotos treffen auf fantastische, kuriose und gelegentlich herrlich absurde Plattencover aus mehr als 150 Jahren Fußballgeschichte. Diese Bilder sind nicht einfach Dekoration. Sie erzählen selbst Geschichten.
Von Mode und Größenwahn. Von Popkultur und Vermarktung. Von Vereinsstolz und Zeitgeist. Und natürlich von einigen gestalterischen Entscheidungen, für die vermutlich selbst die 1970er-Jahre keine vollständig befriedigende Erklärung liefern können.

Gerade dadurch wird das Buch zu einer visuellen Zeitreise durch die Fußballkultur. Fußballgeschichte steckt eben nicht nur in Tabellen, Eintrittskarten und vergilbten Stadionheften. Manchmal steckt sie auf einer 7-Inch-Single.

Dass Gunnar Leue dieses Thema so kenntnisreich erzählen kann, merkt man dem Buch an. Er kennt den Fußball nicht nur aus Archiven, sondern auch aus der Kurve. Als Fan und Journalist beschäftigt er sich seit Jahren mit seinen Klängen, Ritualen und kulturellen Nebenwegen. Dazu passt auch das Vorwort von Thees Uhlmann hervorragend. Danach kann die Nadel auf die Platte. Und los.

„You’ll Never Sing Alone!“ ist Fußballgeschichte für Menschen, denen Fußballgeschichte allein aus Ergebnissen, Tabellen und Torschützenlisten zu langweilig ist. Es ist ein Buch über Kurven und Platten. Über Hymnen und Hits. Über singende Fußballer und Fußball singende Musiker. Über Gemeinschaft, Kommerz, Popkultur und die merkwürdige Fähigkeit dieses Spiels, Menschen dazu zu bringen, Dinge zu tun, die sie außerhalb eines Stadions vermutlich niemals machen würden. Zum Beispiel wildfremde Menschen zu umarmen. Oder mit 30.000 anderen einen Song zu singen, dessen Text man nüchtern betrachtet vielleicht niemals freiwillig auf die heimische Stereoanlage legen würde.

Aber genau darum geht es. Fußball muss man nicht nur sehen. Man muss ihn hören. Denn manchmal bleiben von neunzig Minuten irgendwann nur noch ein paar verschwommene Erinnerungen. Aber der Refrain sitzt noch.

Interesse geweckt? Dann schaut doch mal bei der Buchhandlung bei euch im Viertel vorbei oder unterstützt den Ventil Verlag.

You’ll Never Sing Alone!
Die Kulturgeschichte der Fußballmusik
Autor: Gunnar Leue
Verlag: Ventil Verlag

Ausführung: Hardcover, farbig
Umfang: 256 Seiten
ISBN 978-3-95575-199-9
Preis 29,50 EUR