Es gibt Sportereignisse, an die erinnert man sich. Und es gibt Sportereignisse, bei denen man noch ziemlich genau weiß, auf welchem Sofa man saß. Michael Schumacher gehört für mich eindeutig in die zweite Kategorie. Sonntagmittag, irgendwann in den Neunzigern. Papa und die Onkel vor dem Fernseher, Kaffee auf dem Tisch, die Lautstärke ein bisschen höher als nötig. Dazu exotische Ortsnamen, die damals mindestens so weit entfernt klangen wie der Mond: Interlagos. Imola. Silverstone. Suzuka. Adelaide.

Auf dem Bildschirm: Boliden, Boxengassen, Funkverkehr, Reifenwechsel, Startampeln und dieses herrlich überdimensionierte Buhei, das einen Formel-1-Sonntag schon Stunden vor dem eigentlichen Rennen zum Ereignis machte.

Und mittendrin: Michael Schumacher.

Netflix

Netflix widmet sich ab heute mit „Schumacher ’94 – Die Geburt einer Legende“ genau jenem Jahr, in dem aus dem jungen Rennfahrer aus Kerpen ein Weltmeister und schließlich ein deutsches Popkulturphänomen wurde. Schumi!

1994 ist Michael Schumacher gerade einmal 25 Jahre alt. Er gewinnt zum Saisonauftakt in Brasilien – und am Ende des Jahres in Australien seinen ersten Formel-1-Weltmeistertitel. Was auf dem Papier wie der Beginn einer ziemlich geradlinigen Erfolgsgeschichte aussieht, war in Wirklichkeit eine Saison, die kaum dramatischer hätte geschrieben werden können. Triumph und Tragödie lagen manchmal nur wenige Stunden auseinander.

Da waren Schumachers Siege und sein rasanter Aufstieg. Da waren technische Kontroversen, Manipulationsvorwürfe, Disqualifikationen und Sperren. Und da war dieses fürchterliche Wochenende von Imola, an dem Roland Ratzenberger und Ayrton Senna tödlich verunglückten.

Plötzlich ging es in der Formel 1 nicht mehr nur um Zehntelsekunden, Pokale und Champagnerduschen. Es ging um Leben und Tod. Und um die Frage, wie ein Sport nach einem solchen Wochenende einfach weitermachen kann.

Gleichzeitig passierte hierzulande etwas Bemerkenswertes: Deutschland verfiel dem Rennsport. Die Formel 1 war plötzlich nicht mehr irgendein exotischer Zirkus, der durch Monaco, Japan oder Brasilien zog. Sie gehörte wieder zum Wochenende. Michael Schumacher wurde zum Fixpunkt einer ganzen Generation – und „Schumi-Mania“ zu einem Phänomen, dem man sich selbst dann nur schwer entziehen konnte, wenn einem Hubraum und Abtrieb herzlich egal waren.

Man kann sich das heute kaum noch vorstellen: Fernsehen war damals tatsächlich noch ein gemeinsamer Termin. Kein Stream später am Abend. Keine Zusammenfassung auf dem Smartphone. Keine Push-Nachricht, die das Ergebnis schon verraten hatte. Wenn Start war, saß man da. Gemeinsam. Und wenn Schumi führte, wurde es im Wohnzimmer erstaunlich still. Vielleicht ist genau das der Grund, warum diese Geschichte heute noch so gut funktioniert. Sie erzählt nicht nur von einem außergewöhnlichen Rennfahrer. Sie erzählt auch von einer fast verschwundenen Medienwelt – und von einer Zeit, in der ein Formel-1-Rennen am Sonntag gefühlt ein ganzes Land vor denselben Fernseher setzen konnte.

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Regisseurin Christin Freitag nähert sich diesem Ausnahmejahr dabei nicht nur über Siege, Niederlagen und WM-Punkte. Die Dokumentation möchte auch den Menschen hinter dem Helm sichtbar machen. Zu Wort kommen Corinna Schumacher sowie Wegbegleiter wie Flavio Briatore, Bernie Ecclestone, David Coulthard, Willi Weber, Kai Ebel und Heiko Waßer. Ihre Erinnerungen zeichnen Schumacher als kompromisslosen Kämpfer auf der Strecke – und als sensiblen, empathischen Menschen abseits des Fahrerlagers.

Besonders persönlich werden dabei die Erinnerungen von seiner Frau. Sie erzählt von den Anfängen ihrer gemeinsamen Geschichte in einer Zeit, in der ihr späterer Mann vom hoffnungsvollen Außenseiter zum Weltstar wurde.
Und vielleicht liegt darin der spannendste Ansatz der Doku: 1994 nicht einfach als erstes Kapitel einer großen Siegergeschichte zu erzählen, sondern als Moment, in dem für Michael Schumacher innerhalb weniger Monate praktisch alles größer wurde. Die Erfolge. Der Druck. Die Öffentlichkeit. Die Erwartungen. Die Tragödien. Und eben auch die Liebe.

„Schumacher ’94 – Die Geburt einer Legende“ ist damit natürlich eine Sportdokumentation. Aber vermutlich ist sie für viele von uns noch etwas anderes: eine kleine Zeitmaschine. Zurück zum Röhrenfernseher. Zurück zu Sonntagen, an denen die Welt für ein paar Stunden aus Startaufstellung, Boxenstrategie und der Frage bestand, ob der Benetton durchhält. „Schumacher ’94“ startet heute weltweit auf Netflix.

Schumacher ’94 – Die Geburt einer Legende
Regie: Christin Freitag
Mit: Corinna Schumacher, Flavio Briatore, Bernie Ecclestone, David Coulthard, Willi Weber, Kai Ebel, Heiko Waßer
Produzent: Jochen Köstler
Produktion: LEONINE Documentaries