Es gibt diese Nachrichten, bei denen man sich ernsthaft fragt, wie sie an einem vorbeigehen konnten. Man glaubt schließlich, seine Augen und Ohren halbwegs überall zu haben. Zumindest dort, wo es um Fußballkultur, Kurven, alte Fanzines und all den anderen wunderbaren Quatsch geht, der uns seit Jahrzehnten begleitet. Und dann das: Supertifo ist zurück!

Nicht irgendwann angekündigt. Nicht vielleicht. Sondern tatsächlich zurück am Kiosk. Mit 25.000 Exemplaren. Nach mehr als einem Jahrzehnt. Sogar das Interview unserer Freunde von Erlebnis Fussball mit Supertifo-Verantwortlichem Ivan Luraschi ist an mir vorbeigegangen. Kürzlich berichtete dann auch noch 11Freunde darüber. Großartig. Wahrscheinlich hätte mir nur noch jemand ein Exemplar persönlich in den Briefkasten werfen können.

Supertifo

Dabei ist Supertifo für mich alles andere als irgendein altes italienisches Fußballmagazin. Ich kann mich noch ziemlich genau daran erinnern, als mir irgendwann Mitte der 1990er Jahre – vermutlich 1994 – meine erste Ausgabe von Supertifo in die Hände fiel. Das war eine andere Fußballwelt.
In Deutschland existierten bereits die ersten ultraorientierten Gruppen, die Gründungsphase vieler später großer und prägender Gruppierungen sollte aber erst noch kommen. Italien war damals etwas, das unglaublich weit voraus schien. Nicht unbedingt geografisch. Durch den Gotthard-Tunnel, bei Mailand dann einer der Autostrade nach Venedig, Bologna oder Genua folgen. Aber kulturell waren das gefühlt Lichtjahre.

Und dann hielt man plötzlich dieses kleine italienische Heft in der Hand. Mein Italienisch bewegte sich damals irgendwo zwischen „Curva“, „Trasferta“ und „Borghetti“. Trotzdem verschlang ich jeden Satz. Oder zumindest das, was ich mir als Inhalt zusammenreimen konnte.
Eigentlich waren die Texte ohnehin nur die halbe Wahrheit. Es waren die Bilder. Diese Kurven. Fahnenmeere, Doppelhalter, ein Stilmittel, das zu der Zeit in Deutschland noch nicht zum Einsatz kam. Riesige Transparente, Rauch, volle Stehplatzblöcke und Namen, die schon beim Lesen nach Abenteuer klangen: Collettivo Autonomo Viola in Florenz. Commando Ultrà Curva Sud in Rom. Fossa dei Leoni bei Milan. Und natürlich Bergamo. Wild Kaos und Brigate Nerazzurre. Allein diese Namen!

Man muss sich die damalige Situation noch einmal vor Augen führen. Es gab kein Instagram. Kein WhatsApp. Eine SMS war noch richtig teuer und wohl dem, der der kostenfreie SMS in seinem Tarif bei E-Plus hatte. Keine 47 Handyvideos einer Choreografie, noch bevor die Mannschaften überhaupt den Platz betreten hatten. Wer etwas über eine italienische Kurve erfahren wollte, musste suchen oder eben selbst mit Freunden hinfahren. Supertifo war eines dieser Fenster in eine andere Welt.

Besonders faszinierend waren natürlich die Kleinanzeigen. Gruppen aus ganz Italien boten dort ihr materiale an. Schals, Aufnäher, Shirts und was man sonst noch dringend brauchte, um die eigene Sammlung um Dinge zu erweitern, die außerhalb eines sehr kleinen Kreises wirklich niemand verstand. Es war die große Zeit der Fotocollagen und Ultrà-Schalsammlungen.
Fotos wurden getauscht, kopiert, ausgeschnitten und in Ordner geklebt. Schals hingen an Wänden oder wurden wie irgendwelche seltenen Kunstgegenstände behandelt. Adressen wurden abgeschrieben, Briefe geschrieben und dann wartete man. Wochenlang. Heute vollkommen verrückt. Oder vielleicht gerade deshalb wunderschön.

Supertifo wurde für mich jedenfalls so etwas wie die Einstiegsdroge in die Subkultur der italienischen Ultras. Später kamen andere Magazine dazu. Manche hatten bessere Texte, gingen journalistisch tiefer in die Szenen hinein oder führten interessantere Interviews. Aber die erste große Faszination? Die gehört Supertifo.

Dabei hatte alles vergleichsweise unspektakulär begonnen. 1985 erschien Supertifo zunächst als kleine Beilage der Zeitung Tuttocalcio. Später wurde daraus ein eigenständiges Magazin im handlichen A5-Format – und irgendwann eine der bekanntesten Publikationen über die italienische Ultrà-Kultur. Über viele Jahre dokumentierte das Magazin eine Fankultur, die sich permanent veränderte.
Irgendwann in den 2010er Jahren ließ die Qualität allerdings spürbar nach. Gleichzeitig hatte sich auch die Welt verändert, über die Supertifo berichtete.

Der tragische Tod des Polizisten Filippo Raciti im Februar 2007 und die darauffolgenden Maßnahmen des italienischen Staates markierten eine tiefe Zäsur. Die Repression gegen die Kurven nahm massiv zu. Verbote, Einschränkungen bei Auswärtsfahrten und schließlich die Tessera del Tifoso veränderten den Stadionalltag. Dazu kam der darin berüchtigte Articolo 9. Die Folge waren vielerorts leere Gästeblöcke, Boykotte und eine Ultrà-Kultur, die sich immer stärker mit staatlichen Restriktionen auseinandersetzen musste. Das Italien, das uns in den 1990ern aus den Seiten von Supertifo entgegengeleuchtet hatte, existierte so nicht mehr. Und irgendwann existierte auch Supertifo nicht mehr.

Bereits Anfang Juli machte die Nachricht die Runde: Supertifo kehrt zurück. Nach über einem Jahrzehnt Pause erscheint das legendäre Magazin wieder – und zwar mit einer Auflage von immerhin 25.000 Exemplaren.
Die Freunde von Erlebnis Fussball haben mit Ivan Luraschi, einem der Verantwortlichen hinter dem Neustart, bereits ein ausführliches Interview geführt. Das habe ich – wie eingangs erwähnt – auf bemerkenswert souveräne Weise übersehen. Aber besser spät als nie.

Und was steckt drin? Die erste Ausgabe der neuen Supertifo-Reihe beginnt passenderweise nicht mit romantischer Rückschau, sondern beschäftigt sich mit der Gegenwart.
Im Editorial geht es um den verlorengegangenen Zusammenhalt innerhalb der italienischen Ultraszene – verbunden mit der Hoffnung, dass sich etwas verändern könnte. Hoffnung macht dabei unter anderem eine Initiative, die bereits fast 150.000 Unterschriften gesammelt hat. Dazu gibt es natürlich das, wofür Supertifo immer stand: Bilder aus den Kurven.

Die Ausgabe zeigt Fotografien aus italienischen Stadien während der Saison 2025/26 und enthält außerdem eine Fotoreportage vom entscheidenden WM-Qualifikationsspiel Italiens gegen Bosnien und Herzegowina. Daneben wird es nachdenklicher. Kurze Gedenktexte erinnern an den legendären italienischen Stürmer Igor Protti sowie an Alessia, eine gerade einmal acht Jahre alte Anhängerin des FC Palermo, die nach langem Kampf gegen den Krebs verstorben ist. Auch das gehört schließlich zur Kurve. Nicht nur Pyrotechnik, Choreografien und möglichst große Auswärtsblöcke. Sondern Menschen, Erinnerungen und Geschichten.

Die spannendste Frage bleibt für mich deshalb eine andere. Wie tief wird das neue Supertifo tatsächlich in die Szene hineingehen können? Fotos italienischer Kurven bekommt man heute innerhalb von Sekunden aufs Smartphone geliefert. Dafür braucht niemand mehr ein Magazin aus Italien, auf das man wochenlang wartet.

Genau deshalb müssen Printmagazine heute etwas anderes leisten. Geschichten erzählen. Hintergründe liefern. Menschen sprechen lassen. Entwicklungen einordnen. Türen öffnen, die Instagram und Co. eben nicht öffnen können. Und hoffentlich auch ein ansprechendes und ganz eigenes Layout.
Erlebnis Fussball zeigt seit Jahren, wie wertvoll lange Interviews, ausführliche Reiseberichte und tiefgehende Gespräche mit Gruppen sein können. Wenn Supertifo es schafft, wieder einen vergleichbaren Zugang zu italienischen Kurven zu bekommen, könnte dieses Comeback tatsächlich mehr werden als eine nostalgische Reise für Männer, die irgendwann in den 1990ern Ultrà-Schals gesammelt haben.

IIch bin jedenfalls gespannt. Bestellen muss man eine Ausgabe über die Instagram-Seite. Einen Vertrieb wie damals im internationalen Zeitschriftenhandel wird es erst einmal nicht geben. Mal schauen, ob ich mir eine neue Ausgabe besorgen werde. Wie 1994. Nur dass mein Italienisch durch die ganzen Besuche in Bergamo inzwischen etwas besser geworden ist.

Den Machern wünsche ich jedenfalls viel Erfolg mit dem Neustart. Und den italienischen Ultras etwas, das eigentlich selbstverständlich sein sollte:

Trasferte libere.
Freie Auswärtsfahrten. Für alle Spiele.

Supertifo Instagram