In seiner Fotoausstellung porträtiert Maurice Schimmelpfennig die Fankultur rund um Rot-Weiß Oberhausen.
Es gibt Fotos, die jubeln. Und es gibt Fotos, die warten. Sie warten am Bahnsteig auf den Regionalexpress Richtung Gütersloh. Auf den ersten Anpfiff im Stadion Niederrhein. Auf den Kiosk, der gleich noch zwei Frikadellen und drei Dosen Bier verkauft. Sie warten auf bessere Zeiten – und wissen gleichzeitig, dass genau dieses Warten längst Teil der Geschichte geworden ist.
Maurice Schimmelpfennig fotografiert Rot-Weiß Oberhausen deshalb nicht wie einen Fußballverein, sondern wie einen Ort, an dem sich das Leben zwischen Flutlicht, Autobahnkilometern und Kneipentresen abspielt. Seine Bilder suchen nicht nach dem großen Tor, sondern nach den kleinen Wahrheiten: nach schief genähten Kutten, Löwenzahn zwischen den Stufen der Stehtraverse, leer getrunkenen Dirty Harrys und Gesichtern, die schon längst verstanden haben, dass Regionalliga weniger eine Spielklasse als ein Gemütszustand ist.
„Wenn wir dann am Samstag“ ist deshalb keine Fotoausstellung über Siege oder Niederlagen. Sie ist eine Liebeserklärung an den Fußball jenseits der Hochglanzarenen. An RWO, an einen Verein, dessen Geschichten oft in den Nebensätzen liegen. Und an Menschen, die sich Woche für Woche auf den Weg machen – nicht, weil Erfolg garantiert wäre, sondern weil man manche Wege irgendwann einfach nicht mehr anders gehen möchte.
Im Gespräch erzählt Maurice, wie aus ein paar Einwegkameras und einem Haufen Negative eine Ausstellung wurde, warum ausgerechnet eine alte Kutte den SC Rot-Weiß Oberhausen perfekt beschreibt und weshalb Optimismus im Ruhrgebiet oft weniger eine Charaktereigenschaft als eine Überlebensstrategie ist. Vor allem aber erzählt er von all den Samstagen, die am Ende viel länger dauern als neunzig Minuten.

Am Anfang steht meistens ein Moment. Wann wusstest du, dass aus all den Bildern, die du über Jahre gemacht und gesammelt hast, irgendwann eine Ausstellung werden könnte? Gab es einen konkreten Auslöser?
Hallo Mark, danke für die Einladung hier ein paar Gedanken und Storys zu teilen. Ich würde mit der Antwort chronologisch beginnen, wo die ganze Fotografie-Geschichte ihren Ursprung nimmt, denn das ist klar auf das Fanzine La Cosa Nostra aus Ulm zurückzuführen. Dort wurde in einem Interview die Arbeit von Patrick Jelen aus Düsseldorf vorgestellt, der über Jahre hinweg mit der Fortuna-Fanszene unterwegs war und seine Fotos auf seinem Blog fortuna-broetchen.de präsentiert hat. Aus diesen Fotos ist auch der Bildband “Auswärts 2017/18” entstanden, der dann im Interview vorgestellt wurde. Die Idee fand ich genial und davon wurde ich inspiriert, das auch mal zu versuchen. Passend dazu erlebten wir in Oberhausen eine gewisse Euphorie und es wurde die Aufholjagd ausgerufen. Wir hatten zur Winterpause neun Punkte Rückstand auf Viktoria Köln und insgeheim träumten wir alle schon von Liga 3. Also begann ich mit Einwegkameras von dm die Spieltage meines Fanklubs und Freundeskreises zu dokumentieren. Mit dem Aufstieg hat es leider nicht hingehauen, aber die Fotos waren da und einige Freunde fragten schon kritisch “Wann sehen wir die Fotos denn endlich mal?”…
Mit der Pandemie hatte ich dann auch genug Zeit mich mit gimp vertraut zu machen und schusterte mehr schlecht als recht ein “Familienalbum” zusammen. Als die Pandemie wieder Stadionbesuche zuließ, also zu Beginn der Saison 2021/22, hatte ich mir eine Canon A1 (eine 40 Jahre alte Spiegelreflexkamera) zugelegt und mir ein bisschen Basis-Wissen in der Analogfotografie angelesen. Dann habe ich weiter vor mich hin geknipst und nach jeder Saison wieder ein kleines Fotoalbum für den engsten Kreis zusammengebastelt. Das hat dann auch ein Freund in die Hände gekriegt, der beruflich im Kulturbereich unterwegs ist und der mit der Idee auf mich zukam, ich solle die Fotos doch mal an die Wand bringen. Zuerst war ich zögerlich, weil ich mich selbst weder für einen besonderen Fotografen, noch für einen Künstler halte, am Ende habe ich dann doch zugesagt. Gemeinsam wurde ein Antrag auf Kulturfördermittel gestellt, der glücklicherweise bewilligt wurde. Dazu hatte ich auch großes Glück mit den Strukturen in der Stadt. Denn auch wenn Oberhausen an sich nicht zu den kulturellen Schwergewichten in der Umgebung zählt – es gibt eine kleine, aber quirlige Kulturszene und die Drähte sind kurz. Über zwei, drei Ecken kennt man hier jeden und so konnte ich auch direkt auf tatkräftige Unterstützung zählen, wofür ich wahnsinnig dankbar bin. Dann wurde das Archiv auf Vordermann gebracht, rund 6000 Negative gescannt, gesichtet und eine Vorauswahl mit rund 400 Fotos erstellt. Mit einem Freund, der von Fußball so gar keine Ahnung und deshalb auch einen anderen (und vor allem künstlerischen) Blick hat, habe ich letztlich eine Auswahl getroffen. Und dann wurde gedruckt, gerahmt und an die Wand genagelt.
Gibt es ein Foto in der Ausstellung, das für dich Rot-Weiß Oberhausen perfekt unperfekt verkörpert? Und warum gerade dieses?
Wenn ich durch die Fotos schaue, kommt mir dazu ein Foto einer Kutte in den Sinn, die ich bei einem Heimspiel gegen den SV Rödinghausen fotografiert habe. Der Prozess der Kutten-Herstellung erinnerte mich als Analogie an mein eigenes Fansein. Zuerst kauft man sich begeistert eine Jeans-Jacke, ersteigert auf eBay ein paar Aufnäher mit obszönen Sprüchen und freut sich loszulegen. Diese Begeisterung spürt man als Fan doch auch bei seinen ersten Stadionbesuchen und der Euphorie durch die ersten Erfolge, die man miterlebt, was bei mir die Zeit in der 2. Bundesliga war. Dann kriegt man auch die ersten Rückschläge zu spüren und man steigt ab. Als Fan spürt man dann, dass diese Begeisterung auch manchmal Schmerz und Wut auslösen kann – so wie man sich beim Kuttennähen auch mal die Nadel in den Finger sticht oder man sich versehentlich den Aufnäher an der Tischdecke festnäht.
Was aber auch das Schöne ist: Wenn man die Kutte dann ein paar Jahre getragen hat und das Ding schon etwas mitgenommen aussieht, dann erinnerst du dich daran, dass du so viel mit dem Teil erlebt hast. Dann würdest du ja nicht auf die Idee kommen, die Kutte wegzuschmeißen. Auch wenn einige Aufnäher schief genäht sind, die Brandlöcher werden immer mehr werden und das Ding bestialisch nach Kneipe riecht. Aber dann hoffst du doch erst recht, dass zu der Bierfahne mal der Duft von Champagner dazukommt, wenn endlich mal ein Erfolg gefeiert werden kann.
Eine weitere Anekdote ist, dass die aktive Fanszene regelmäßig zu Kutten-Motto-Fahrten aufruft, was sich großer Beliebtheit erfreut und was es in der Form einzigartig in Deutschland ist – berichtigt mich bitte, wenn ich falsch liege. Die Fahrten machen immer großen Spaß und es ist sehr spannend zu sehen, was die einzelnen Leute, dann auch diesem, sehr vage gehaltenen Aufruf “Macht euch ’ne Kutte” herausgeholt haben. Aufnäher mit Bier-Bezug waren natürlich sehr beliebt, aber auch Patches von Lieblingsbands fanden ihren Weg auf die Jeansjacken. Es wurden sich Schnäuzer rasiert und manch einer hat sich direkt als “Weihnachtsbaum” verkleidet und hat sich unzählige Schals an die Hose geheftet. Ein geiles Bild mit unfassbar vielen Details und einer Prise Chaos, die auch des Öfteren zu unserem Lieblingsverein passt.

Angenommen, Emscherkurve 77 würde einen Song zu deiner Ausstellung schreiben – welches Foto müsste unbedingt aufs Cover?
Alleine die Vorstellung ist schon eine Ehre. Emscherkurve 77 ist seit Jahren fest bei meiner Spotify Top 5 zu finden und ich freue mich sehr, dass unser Verein so eine geile Hauskapelle zu bieten hat. So wirklich will mir aber kein passendes Bild einfallen. Sollten die Jungs aber mal Lust haben für ein Album-Cover oder bei einer Show von mir fotografiert zu werden – ich würd’s wohl mal probieren, auch wenn ich zugeben muss, dass ich in Portraits nicht besonders geübt bin. Aber das ist ja auch der DIY-Gedanke: probier’s einfach. Ob es geklappt hat, siehste hinterher – und im schlimmsten Fall weiß man eben, wie’s nicht geht.
Regionalliga bedeutet oft Warten – auf den richtigen Trainer, auf den nächsten Regionalexpress oder auf bessere Zeiten. Auch nach einer Saison, die mit Platz zwei so knapp am großen Ziel vorbeiging. Ist Geduld vielleicht die wichtigste Eigenschaft eines Fußballfans?
Ich weiß nicht, wie es bei anderen Vereinen so aussieht, aber der Geduldsfaden bei den Fans der Kleeblätter ist über die Jahre kürzer geworden, ist mein Eindruck. Da reißt dem Fan schnell mal die Hutschnur, wenn die Mannschaft mal ein paar Spiele beschissen spielt und gegen Abstiegskandidaten verliert. Dann wollen die ersten schon die Mannschaft vom Spielbetrieb abmelden gehen und haben das Feuerzeug schon in der Hand um ihre Dauerkarte zu verbrennen. Gleichzeitig ist der gemeine RWO-Fan auch nach drei gelungenen Querpässen und einer kleinen Siegesserie wieder angezündet und träumt vom Aufstieg. Ein bisschen so wie in anderen Städten, wo nach ein paar Siegen schon der Rathausbalkon für den letzten Spieltag reserviert wird. Geduld ist also nicht immer gegeben – dafür braucht es aber auch gefühlt einen Weltuntergang bis es mal wirklich rappelt.
Ich würde eher sagen, dass es eine gewisse Form von (Galgen)Humor, unbändigen Optimismus und Leidensfähigkeit braucht, mit der sich zähe Jahre in den Niederungen des Fußballs überstehen lassen. Auch wenn die Gegner zum x-ten Mal Wiedenbrück und Rödinghausen heißen – fährste halt wieder hin, hast ‘ne gute Zeit mit deinen Freunden und wenn du verlierst, erzählste dir auf der Rückfahrt eben wieder die alten Schoten und träumst von besseren Zeiten. Wat willste sonst machen – nicht mehr zu den Spielen fahren? Dat macht ja auch keinen Sinn. Also fährste hin und erträgst die manchmal harte Zeit. Aber dann schmecken die Erfolge, wenn sie denn mal kommen, auch nochmal süßer.
Und an dieser Stelle muss ich eine Lanze für unseren Coach Sebastian Gunkel brechen. Der Kerl holt, seit er hier das Kommando hat, zusammen mit dem Sportlichen Leiter Dennis Lichtenwimmer-Conversano, unfassbar viel aus den Möglichkeiten raus, die unser klammer Verein zu bieten hat. Auch wenn beide Personen eher ruhige Gesellen sind und allgemein ein Gegensatz zum manchmal (vor)lauten Ruhrpott-Stereotypen sind, halte ich sie auf jeden Fall für die richten Männer am richtigen Ort und bin froh die beiden an der Seitenlinie zu wissen.

Fußballstadien erzählen immer auch etwas über die Stadt, in der sie stehen. Was erzählt das Stadion Niederrhein über Oberhausen?
Unser Stadion feiert in diesem Jahr tatsächlich seinen 100. Geburtstag, was schon ein Grund zum Feiern ist. Spannenderweise ist die Planung und Eröffnung des Stadions auch damals im Zuge der Vereinigung der historischen Stadtkreise Oberhausen an der Ruhr, Sterkrade und Osterfeld gefallen. Die drei Gemeinden waren ursprünglich eigenständig und das Stadion entstand an der Schnittstelle der drei Städte, gelegen zwischen Emscher und Rhein-Herne-Kanal um ein Zeichen für das zusammengewachsene Oberhausen zu setzen. Leider ist der Standort – obwohl in der Mitte der Stadt – etwas ab vom Schuss, mitten im Grünen. Das führt leider auch dazu, dass es in näherer Umgebung um das Stadion bis auf unsere sehr gemütliche Vereinskneipe keine Infrastruktur gibt, wie man es von anderen Stadien kennt, die an das nächste Wohngebiet grenzen oder direkt in der Innenstadt liegen. Dazu erzählt das Stadion wohl auch die etwas tragische Geschichte einer Stadt, die zu den höchstverschuldeten in ganz Deutschland gehört. Die Stadt ist arm wie eine Kirchenmaus und das hat man über Jahre hinweg auch dem Stadion angesehen, da es in kommunaler Hand ist. 2014 ist einer der Flutlichtmasten so marode gewesen, dass er abgebaut werden musste und wir seitdem ein Stadion mit nur drei Masten zu bieten haben. Das ist schon ein Alleinstellungsmerkmal.
Verbesserungen kommen, wenn dann mit großer Überlegung und oftmals auch mit einigem Widerstand, ob der Groschen an der Stelle richtig investiert ist. Positiv ist, dass wir seit 2018 eine neue Stehplatztribüne haben, die die alte Emscherkurve ersetzt hat. Das hat insbesondere die Stimmung auf ein völlig neues Level gehoben, wofür wir nur dankbar sein können. Glücklicherweise hat sich unser Verein auch über die Jahre ein vernünftiges Standing in der Stadt erarbeitet, sodass kürzlich ein Antrag im Stadtrat angenommen wurde, der vorsieht das Stadion schrittweise an die Anforderungen der 3. Liga anzupassen. Jetzt muss es nur noch mit dem Aufstieg klappen – und natürlich glauben wir daran, dass es irgendwann passieren wird. Irgendwann.
Vielen Dank für das Gespräch, Maurice! Wir drücken die Daumen für eine erfolgreiche Ausstellung – und dafür, dass du in der kommenden Saison vielleicht ein paar mehr Days of Glory als Regionalliga-Tristesse auf Film bannen kannst.
Hier findet ihr alle weiteren Informationen wie zum Beispiel zu den Öffnungszeiten und zum Veranstaltungsort.

Fotoausstellung in Oberhausen - „Wenn wir dann am Samstag“
