Es gibt Turniere, die man sich erinnert. Und es gibt Turniere, die bleiben. Die sich festsetzen irgendwo zwischen Flimmerkasten und Gefühl, zwischen Panini-Album und verschwitzten Sommerabenden. Die Weltmeisterschaft 1990 in Italien gehört zu letzterer Sorte. Sie war kein Spektakel im heutigen Sinne, kein Feuerwerk aus Toren und Tempo. Sie war rau, kantig, manchmal zäh – und genau darin lag ihre Magie.

Lothar Matthäus im Olympiastadion in Rom © B|14 FILM

Es war der Sommer, in dem ein 38-jähriger Kameruner namens Roger Milla an der Eckfahne tanzte, als hätte er den Fußball neu erfunden. In dem René Higuita mit einem Skorpion-Kick die Grenzen zwischen Genie und Wahnsinn verwischte. In dem Rudi Völler und Frank Rijkaard sich in einem Moment entluden, der bis heute mehr über Emotionen im Fußball erzählt als tausend Interviews danach.

Es war auch der Sommer von Salvatore „Toto“ Schillaci, diesem unerwarteten Helden, der aus dem Schatten kam und Italien mit seinen Toren und diesem fast ungläubigen Jubel elektrisierte. Von Carlos Valderrama, dessen Haare genauso unvergesslich waren wie seine Pässe. Von Paul Gascoigne, der in Tränen zerfloss und damit eine ganze Nation berührte. Und von Diego Maradona, der in Neapel zwischen Liebe und Verrat stand – und dabei das Ende einer großen, komplizierten Beziehung einläutete.

Die Bühne: ehrwürdige Kathedralen wie das San Siro, das Olympiastadion in Rom oder die flirrende Hitze von Cagliari. Orte, die nicht nur Spiele sahen, sondern Geschichten aufnahmen, die bis heute weitererzählt werden. Und über allem: Trikots von adidas, deren Muster und Farben sich eingebrannt haben – als wären sie weniger Stoff als Zeitkapseln.

Guido Buchwald © B|14 FILM

Italia ’90 war kein Turnier für die Statistik. Es war eines für die Erinnerung. Für das Gefühl, dass Fußball mehr ist als das, was auf dem Papier steht. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum dieser Sommer nie wirklich vergangen ist.

Am Ende dieses Sommers steht Deutschland ganz oben. Zum dritten Mal Weltmeister. Aber das allein erzählt noch lange nicht, was damals wirklich passiert ist. Denn diese Mannschaft war mehr als eine Ansammlung herausragender Fußballer. Unter Franz Beckenbauer wuchs etwas zusammen, das sich nicht planen lässt. Lothar Matthäus spielte, als würde er das Spiel von oben lesen. Andreas Brehme hatte diesen linken Fuß, der später Geschichte schreiben sollte. Klinsmann rannte, Völler kämpfte, Augenthaler räumte auf – und irgendwo dazwischen entstand eine Energie, die größer war als jeder Einzelne.

Die Spiele? Mehr als Ergebnisse. Das Duell mit den Niederlanden – aufgeladen bis in die Haarspitzen, ein Spiel wie ein offenes Ventil. Jugoslawien – ein Ringen, ein Durchbeißen. Und dann dieses Finale gegen Argentinien. Kein schönes Spiel, aber eines, das man fühlt. Als Brehme anläuft, ist es für einen Moment still. Und dann – dieser eine Schuss, der alles verändert.

Pierre Littbarski © B|14 FILM

Doch Italia ’90 hörte nicht am Spielfeldrand auf. Es war ein Sommer, der in ein Land fiel, das sich gerade neu erfand. Die Mauer war gefallen, die Zukunft noch ungeschrieben.

„Ein Sommer in Italien – WM 1990“ erzählt genau davon. Nicht als Chronik, nicht als Statistik. Sondern als Erinnerung. Aus der Perspektive derer, die mittendrin waren. Spieler, die zurückblicken – ehrlich, manchmal rau, oft überraschend leise. Bebildert mit Aufnahmen, die nie für die große Bühne gedacht waren. Sepp Maier mit der Kamera. Szenen aus dem FIFA-Archiv. Und diese kleinen, kostbaren Momente dazwischen.

Denn der Film interessiert sich nicht nur für das, was im Stadion passiert ist. Sondern für das Leben danach – oder besser gesagt: daneben. Für heimliche Ausflüge, für das Rein- und Rausschleichen in italienischen Nächten. Für Nachmittage am Pool, Karten in der Hand, Gelächter in der Luft. Für Spaghetti, Eiscreme, Gespräche bis spät in die Nacht. Es ist weniger Turnier, mehr Klassenfahrt. Nur dass am Ende die Weltmeisterschaft steht.

Die große Stärke: Es kommen nur die zu Wort, die dabei waren. Keine Außenperspektive, kein Einordnen, kein Erklären. Nur Erinnern. Mailand, Turin, Rom, der Comer See – Orte, die zu Bühnen werden für etwas, das man heute vielleicht Teamgeist nennen würde, damals aber einfach Freundschaft war.

Die Weltmeister von damals (v.l.o.n.r.u.): Jürgen Klinsmann, Andreas Köpke, Holger Osieck, Guido Buchwald, Hans Pflügler, Paul Steiner, Stefan Reuter, Klaus Augenthaler, Thomas Häßler, Pierre Littbarski, Lothar Matthäus, Raimond Aumann und Rudi Völler | © Tobis Film, Kurt Krieger

Und natürlich sind sie da, diese Bilder, die sich eingebrannt haben. Brehmes Elfmeter. Die Jubeltrauben. Aber auch das, was man bisher nicht gesehen hat. Kleine Szenen, große Gefühle. Fragmente eines Sommers, der sich nicht wiederholen lässt.

„Ein Sommer in Italien – WM 1990“ ist deshalb keine klassische Sportdokumentation. Es ist ein Film über das, was bleibt, wenn der Abpfiff längst verklungen ist. Über Zusammenhalt, Loyalität und dieses schwer zu greifende Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein.
Vielleicht trifft es das am besten: Nach diesen vier Wochen kehrte eine Mannschaft nach Hause zurück, die als Weltmeister gefeiert wurde. Aber was wirklich zählte, waren die Dinge, die man nicht auf einen Pokal schreiben kann.

ich bin wirklich sehr gespannt auf die Doku, denn Italia´90 war der Moment als ich mich hoffnungslos in den Fußball verliebte.

EIN SOMMER IN ITALIEN – WM 1990
Regie Vanessa Goll, Nadja Kölling
Tobis
Kinostart 19.03.2026
Dokumentarfilm, Sport
Filmlänge 93 Minuten

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Andreas Köpke © B|14 FILM
Hotel Castello di Casiglio in Erba © B|14 FILM