Es gibt Fußballer, die laufen einem davon. Und es gibt Fußballer wie Vinnie Jones, die einem lieber erst mal weggrätschen oder gegen das Schienbein treten. Bevor der Mann mit dem kantigen Gesicht in Hollywood zum patentierten Schläger für Filme wie Snatch, Lock, Stock and Two Smoking Barrels oder The Gentlemen wurde, war er Englands vielleicht berüchtigtster Mittelfeldspieler. Ein Mann, der auf dem Platz weniger Tacklings setzte als Warnsignale.
Passend dazu erscheint mit Untold UK: Vinnie Jones eine Dokumentation, die sich nicht mit weichgespülten Fußballerinnerungen aufhält, sondern direkt zurückführt in eine Zeit, als Fußball noch nach Bier, Schlamm und Liniment getränkten Kabinen roch. Jetzt sitzt derselbe Vinnie Jones bei Netflix und erklärt mit knurrender Stimme: „We ain’t here to play games. If you want normal, jog on.“ Ein Satz, der einfach alles sagt.

Habt ihr schon etwas von der „Crazy Gang“ gehört? Allein der Name klingt wie eine schlecht beleuchtete Kneipe südlich der Themse. AFC Wimbledon war in den Achtzigern die vielleicht anarchischste Mannschaft Europas. Keine Hochglanzprofis, keine Social-Media-Berater, keine Schlaftracker. Dafür Typen, die Gegner einschüchterten, Journalisten beleidigten und sich aufführten, als hätte jemand eine Pub-Schlägerei zufällig auf einen Fußballplatz verlegt.
Mittendrin: Vinnie Jones und sein engster Weggefährte John Fashanu. Zwei Männer wie aus einem Guy-Ritchie-Drehbuch, nur mit echten Blutergüssen. Fashanu, der in der Doku ebenfalls ausführlich zu Wort kommt, beschreibt diese Zeit wie eine Mischung aus Bruderbund und Straßenkrieg. Wimbledon war kein Verein, Wimbledon war ein Überlebensprinzip. Und die Auswärtsspiele an der Plough Lane waren von den gegnerischen Spielern gefürchtet. Hierzu gibt es auch herrliche O-Töne zu hören.
Und trotzdem gewann diese Truppe 1988 tatsächlich den FA Cup. Das vielleicht größte Fußballmärchen der englischen Moderne. Wimbledon gegen das übermächtige Liverpool von John Barnes, Peter Beardsley und Alan Hansen. Eigentlich hätte das Finale nach zehn Minuten erledigt sein müssen. Stattdessen trat Wimbledon Liverpool so lange auf die Füße, bis der Favorit vergaß, dass er eigentlich besser Fußball spielen konnte. 1:0. Lawrie Sanchez köpft. Dave Beasant hält einen Elfmeter. Wimbledon steht Kopf.
Vinnie Jones stemmt später den Pokal in den Londoner Himmel wie ein Türsteher, der gerade die letzte Kneipe der Stadt übernommen hat. Natürlich stilecht mit einem Cut unter dem linken Auge.
Dabei begann seine Geschichte alles andere als glamourös. Jones wuchs in Wealdstone auf, arbeitete auf Baustellen, schleppte Zementsäcke und spielte sich über unterklassige Vereine nach oben. Keine Akademie. Keine Fußballschule. Sein Karriereplan bestand vermutlich aus den Worten: irgendwie durchkommen. Und genauso spielte er auch.
Die berühmteste Szene seiner Karriere dauerte nur wenige Sekunden und verfolgt ihn bis heute wie ein schlecht gelaunter Geist. Newcastle-Star Paul Gascoigne, Genie, Chaosmaschine und Publikumsliebling, bekommt es mit Jones zu tun. Der greift „Gazza“ nicht etwa am Trikot, sondern mitten in die Kronjuwelen. Das Bild ging um die Welt: Gascoignes schmerzverzerrtes Gesicht, Jones’ kalter Blick. Fußball als körperliche Drohung.
Es war die Essenz einer Ära, in der englischer Fußball noch keine PR-Abteilung besaß. Heute wäre die Szene vermutlich Gegenstand einer einstündigen Sky-Debatte inklusive Slow-Motion-Analyse und Entschuldigungsstatement auf Instagram. Damals wurde daraus einfach ein Kultfoto. Doch der Mythos hatte seinen Preis.

1992 veröffentlichte Jones das berüchtigte Video Soccer’s Hard Men. Eine Art Lehrfilm des gepflegten Wahnsinns: brutale Fouls, Ellenbogenchecks, Grätschen wie Verkehrsunfälle. Gerade als die Premier League begann, sich geschniegelt und global vermarktbar zu geben, wirkte Jones wie ein Relikt aus einer dunkleren Zeit. Der öffentliche Aufschrei war gewaltig. Sponsoren rückten ab, Funktionäre schäumten, Medien überschlugen sich. Jones wurde zum Symbol dessen, was der moderne Fußball angeblich hinter sich lassen wollte.
Die Netflix-Dokumentation zeigt genau diesen Wendepunkt mit bemerkenswerter Härte. Kein romantischer Retrofilter, keine sentimentale Verklärung. Stattdessen erzählt Jones erstaunlich offen von Abstürzen, Selbstzweifeln und dem Gefühl, vom Fußball ausgespuckt worden zu sein. Vielleicht ist genau das der Grund, warum seine zweite Karriere so gut funktionierte.
Die Filmwelt brauchte keinen geschniegelt wirkenden Ex-Profi. Guy Ritchie und Hollywood brauchte Vinnie Jones. Diesen Blick, diese Stimme, dieses Gesicht, das aussieht, als hätte es schon mehrere Kneipenschlägereien gewonnen. Guy Ritchie verstand sofort, dass man Jones nicht spielen lassen musste. Man musste ihn nur filmen. Und so wurde aus dem einstigen Abräumer der „Crazy Gang“ plötzlich ein internationaler Charakterdarsteller. Kein Method Acting, kein Theaterpathos — einfach Vinnie Jones, nur mit Kamera.
Untold UK: Vinnie Jones ist deshalb mehr als nur eine Fußball-Doku. Es ist ein Abgesang auf eine verschwundene Fußballwelt. Auf Kabinen voller Bierdunst und kaputter Knie. Auf Spieler, die nicht geschniegelt, sondern gefährlich wirkten. Auf eine Zeit, in der Teams wie Wimbledon den Reichen und Mächtigen nicht mit Taktik-Apps begegneten, sondern mit blankem Irrsinn.
Und irgendwo zwischen Wembley, West Hollywood und den alten Trainingsplätzen von South London sitzt Vinnie Jones heute da, grinst in die Kamera und wirkt noch immer so, als könne er jederzeit jemandem die Knochen brechen. Nur eben jetzt in Netflix.
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