Es war eines meiner ersten Bücher über die italienische Ultraszene, und rückblickend fühlt es sich weniger wie eine Lektüre an als wie ein Zustand. Die Erstauflage erschien 1994, ein Jahr später lag die deutsche Übersetzung vor – und irgendwo dazwischen begann für mich dieser eigentümliche Sog, den das Buch bis heute nicht ganz verloren hat.

Der Einstieg? Kein klassischer. Kein Anpfiff, keine Einordnung. Eher ein Dröhnen. Stimmen, die sich übereinanderschieben, anschwellen, sich gegenseitig hochziehen. Man steht nicht am Rand und schaut zu – man steht plötzlich mitten in der Kurve, ohne zu wissen, wie man da eigentlich hingekommen ist. Genau so funktioniert I Furiosi: ein Text, der sich selbst organisiert, ohne Dirigenten, ohne Pause, ohne Sicherheitsabstand.

Nanni Balestrini schreibt Ultras nicht über sie – sondern aus ihnen heraus. Das ist ein Unterschied, den man beim Lesen ziemlich schnell spürt. Der Roman wirkt weniger wie eine Erzählung und mehr wie ein Soundtrack: Gesänge, Beschimpfungen, Parolen, Erinnerungsfetzen. Man liest und hat dieses Gefühl, gleich kleben einem die Schuhe am Bierboden fest, während irgendwo eine Fackel durch den Rauch zieht und ein leerer Bierbecher nach vorne geworfen wird.

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Der Klappentext trifft es erstaunlich gut:
„Eine poetische Prosa, gespeist aus Morgengrauen-Abfahrten, kaputten Randgebieten, stickigen Sonderzügen und allem, was dazwischen eskaliert. Die „Rotschwarzen Brigaden“ des AC Milan liefern den Resonanzraum – und der ist alles andere als leise.“

Was mich damals – und ehrlich gesagt auch heute noch – am meisten beschäftigt, ist die Form. Kaum Satzzeichen, keine saubere Struktur, kein klassischer Erzähler, an dem man sich festhalten könnte. Der Text fließt, stolpert, beschleunigt, bricht ab und setzt neu an. Als hätte jemand ein Tonband zerschnitten und nach Gefühl wieder zusammengesetzt.

Das ist kein literarischer Trick, sondern Absicht. Balestrini kommt aus der Avantgarde, aus einer Ecke, in der Collage nicht nur Technik, sondern Haltung ist. I Furiosi basiert auf echten Stimmen, Gesprächen, Fragmenten aus der Szene rund um den AC Milan. Die fehlenden Satzzeichen sind dabei fast schon ein Angebot: Man muss sich den Rhythmus selbst bauen. Oder sich einfach treiben lassen. Lesen wird plötzlich körperlich – ein bisschen wie ein Auswärtsspiel, bei dem man auch nie genau weiß, wann es kippt.

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Die Ultras, die hier sprechen, sind keine romantischen Rebellenfiguren. Eher das Gegenteil. Wütend, loyal, manchmal orientierungslos. Fußball ist Kulisse und Anlass zugleich – das eigentliche Geschehen spielt sich in der Gruppe ab: Zugehörigkeit, Reibung, Eskalation. Der Spieltag ist Ritual – Anreise, Treffpunkt, Marsch, Konfrontation – und irgendwo dazwischen laufen dann auch noch 90 Minuten Fußball.

Balestrini interessiert sich nicht für Tabellen oder Taktiken. Ihn interessiert die Energie. Die Dynamik einer Masse. Die Sprache, die daraus entsteht. Und genau darin liegt für mich bis heute die Stärke des Buches: Es erklärt nichts. Es zeigt – und überlässt den Rest einem selbst.

Wer ein bisschen länger dabei ist, erinnert sich vielleicht auch an die Bühnenfassung am Staatstheater Stuttgart, irgendwann um 2004. Das war so ein Tag, der sich schwer sauber nacherzählen lässt. Die Reisegruppe aus dem Babylon am Main im 50-Mann-Bus – allein das hatte schon etwas von eigener Inszenierung. Wenn ich mich richtig erinnere, wurde das Ganze sogar für ZDFkultur aufgezeichnet und lief später noch ein- oder zweimal im Fernsehen. So etwas in der Zeit bereits in Deutschland sehen zu können, war einzigartig.

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Und dann gibt es da noch diese kleine, sehr reale Fußnote: Die Ultràgruppe „I Furiosi“ von Cagliari Calcio verlor 1992 bei einem Heimspiel gegen Milan während Ausschreitungen ihr Banner an die Brigate Rossonere. So eine Geschichte, die fast zu gut ist, um nicht in so einem Buch zu landen – und gleichzeitig genau zeigt, wie nah Fiktion und Wirklichkeit hier beieinanderliegen. Auch wenn alle sagen, dass dies von Nanni Balestrini nicht als Chronologie, sondern als fiktiver Roman gedacht war.

Am Ende bleibt für mich ein Buch, das sich jeder klaren Form verweigert – und gerade deshalb hängen bleibt. Nicht immer angenehm, nicht immer leicht zugänglich, aber eigen. Und irgendwie immer noch in Bewegung. Grazie Nanni!

Schaut am besten selbst einmal nach, wo ihr noch eine Ausgabe des Buchs bekommen könnt. Oder ihr wartet noch etwas, denn eine Neuauflage wird bald bei Erlebnis Fussball erscheinen.