Zwischen nächtlichen Abstürzen, Gefängniszellen, Drogenrausch und der ewigen Suche nach dem nächsten Ausweg entstand eine der rohesten und gleichzeitig ehrlichsten Geschichten der deutschen Internetkultur. Andre Welter, besser bekannt als $ick, wurde mit „Shore, Stein, Papier“ zur Kultfigur weit abseits glattpolierter Medieninszenierungen.

Der gebürtige Saarländer spricht nicht aus sicherer Distanz über Sucht, Straße und Kontrollverlust — er hat all das selbst erlebt. Heroin, Beschaffungskriminalität, drei Gefängnisaufenthalte, Exzesse und ein Leben zwischen Selbstzerstörung und Überlebenswillen prägen seine Vergangenheit. Was andere verdrängen oder verstecken würden, machte $ick zum Kern seiner Erzählungen: kompromisslos offen, düster, direkt und getragen von einer Ehrlichkeit, die manchmal fast unangenehm wirkt.

Mit seiner legendären YouTube-Serie „Shore, Stein, Papier“ schuf er ein Format, das sich konsequent jeder Hochglanzästhetik verweigerte. Keine Effekte. Keine künstliche Dramaturgie. Keine inszenierte Coolness. Nur ein Mann, ein Mikrofon und Geschichten, die oft gleichzeitig absurd, verstörend und erschreckend menschlich wirken. Gerade diese rohe Authentizität machte die Reihe weit über die klassische YouTube-Welt hinaus bekannt und verschaffte $ick längst Kultstatus.
Doch hinter den Erzählungen über Drogen, Gewalt und Absturz steckt weit mehr als reine Milieuschilderung. Mit schwarzem Humor, scharfem Blick und fast melancholischer Reflexion erzählt $ick von Einsamkeit, Freundschaft, Abhängigkeit und dem Leben am Rand der Gesellschaft. Seine Geschichten glorifizieren nichts — sie wirken vielmehr wie ungeschönte Momentaufnahmen einer Generation zwischen Flucht, Rausch und Orientierungslosigkeit.

© Andreas Hornoff/Piper Verlag

2016 erschien mit „Shore, Stein, Papier“ schließlich auch die Buchversion seiner Geschichte und machte André Welter endgültig zu einer der außergewöhnlichsten Stimmen deutscher Subkultur. Bis heute steht $ick für etwas, das im Zeitalter perfekter Selbstdarstellung selten geworden ist: radikale Authentizität.

Kommen wir zu seinem aktuellen Buch „Räuberpistolen“, das im November 2025 beim Piper Verlag erschienen ist. Ehrlicherweise war die Überraschung groß, überhaupt erst vor wenigen Tagen davon erfahren zu haben — aber vermutlich funktioniert Aufmerksamkeit heute genau so. Einmal etwas über MMA, Smashburger oder Hood Comedy gesucht und der Algorithmus entscheidet plötzlich, was relevant ist und was nicht.

Wie vermutlich einige Jurastudenten wissen dürften: Bewaffneter Raubüberfall verjährt nach 25 Jahren. Und genau dort setzt „Räuberpistolen“ an. Wenn man so will, ist es das lange ausgesparte Kapitel aus $icks Vergangenheit — verbrochen, verjährt und bislang nicht erzählt.
Im Zentrum steht Hermann. Räuber, Vaterfigur, Partner, Bezugspunkt. Ein Mann, dem $ick vertraut und der ihn gleichzeitig immer tiefer in die Welt der Beschaffungskriminalität zieht. Es geht um Raubzüge, Waffen, Kokain, Abstürze und das permanente Leben im Ausnahmezustand. Vor allem aber geht es um die emotionale Aufarbeitung eines Lebens, das lange nur aus Flucht nach vorne bestand.

Wie schon bei „Shore, Stein, Papier“ verzichtet $ick auch hier auf moralische Belehrungen oder künstliche Dramatisierung. Er erzählt direkt, roh und ohne sich selbst zum Helden zu machen. Gerade dadurch entfaltet „Räuberpistolen“ seine Wirkung. Nicht als glorifizierte Gangstergeschichte, sondern als bedrückend ehrlicher Blick auf Sucht, Kriminalität und die psychologischen Mechanismen dahinter.

Wie alles, was $ick veröffentlicht, ist auch dieses Buch harte Kost. Roh, unbequem und stellenweise schwer auszuhalten — aber genau darin liegt seine Stärke. Wer sich auf diese Achterbahnfahrt zwischen Kokain, Diebstahl, Waffen, Kontrollverlust und Selbstreflexion einlassen möchte, sollte „Räuberpistolen“ definitiv lesen. Am besten direkt beim Verlag oder noch besser: in der kleinen Buchhandlung um die Ecke.

Räuberpistolen – Mein Leben zwischen Kokain und Waffen
Eine Geschichte von Raubzügen, Exzessen und emotionaler Aufarbeitung

Autor: $ick
Verlag: Piper Verlag
288 Seiten
EAN: 978-3-492-06600-6
Preis: 16 Euro