Manchmal sind es die leisen Empfehlungen, die hängen bleiben. The Secret Agent ist so ein Fall. Anfang November bereits gestartet, von mir sträflich übersehen, läuft der Film noch immer in ausgewählten Arthouse-Kinos – ein Glück, denn er gehört zu jenen Werken, die nicht laut um Aufmerksamkeit bitten, sondern sie sich nehmen.
Dass das brasilianische Kino regelmäßig zu den spannendsten Erzählern politischer Vergangenheit und Gegenwart zählt, ist längst kein Geheimnis mehr. Mit The Secret Agent reiht sich ein weiterer Titel ein, der diese Tradition fortschreibt. Regisseur Kleber Mendonça Filho feierte mit dem Film seine Weltpremiere im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Cannes – und kehrte mit gleich vier bedeutenden Preisen zurück, darunter für die beste Regie und den besten Hauptdarsteller. Weiter gab es noch zwei Golden Globes. Ja, ich weiß, Auszeichnungen, die man zur Kenntnis nimmt, ohne ihnen blind zu vertrauen. Entscheidend ist, was auf der Leinwand passiert.

Brasilien, 1977. Während der Karneval das Land in einen kollektiven Ausnahmezustand versetzt, kehrt Marcelo, gespielt von Wagner Moura (bekannt aus „Narcos“), aus São Paulo in seine Heimatstadt Recife zurück. Mitte vierzig, müde, mit der Hoffnung, seinen Sohn wiederzusehen. Doch was als private Reise beginnt, kippt schnell in ein beklemmendes Szenario: Marcelo gerät zwischen feiernde Massen und eine allgegenwärtige, fast beiläufige Gewalt. Überwachung, Korruption und Misstrauen verdichten sich zu einem Netz, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint. Die Militärdiktatur ist nie explizit, aber ständig spürbar – ein unsichtbarer Akteur, der jede Bewegung kommentiert.
Warum ausgerechnet 1977? Für Mendonça Filho ist es kein historischer Zufall, sondern ein zutiefst persönlicher Anker. Es ist das erste Jahr, an das er sich klar erinnert – geprägt von einer familiären Krise und unzähligen Kinobesuchen, die rückblickend wie ein Rettungsanker wirkten. Die Atmosphäre jener Zeit, ihre Gerüche, ihre emotionale Textur, sind in The Secret Agent allgegenwärtig. Der Film fühlt sich weniger recherchiert als erinnert an.

Gleichzeitig ist er alles andere als nostalgisch. Mendonça Filho zieht eine beunruhigende Linie in die Gegenwart: Gesellschaftliche Rückschritte, politische Inszenierungen, ein „Theater des Absurden“, in dem Rollen verteilt werden und viele bereitwillig mitspielen. Erfahrungen, die der Regisseur selbst zwischen 2016 und 2022 gemacht hat, fließen hier ein – das Gefühl, beobachtet zu werden, zwischen Schutz und Angriffen zu stehen, Künstler und Diplomat zugleich zu sein. Der Agent im Titel ist damit weniger Spion als Metapher.
The Secret Agent ist ein Film, der sich Zeit nimmt und genau darin seine Kraft entfaltet. Kein schneller Thriller, sondern ein präzise gebautes Stimmungsbild, das lange nachhallt. Einer dieser Filme, bei denen man froh ist, sie nicht im Strom des Neuen verloren zu haben.
Und falls er doch nicht mehr in einem Kino in eurer Nähe gezeigt wird, könnt ihr euch bald auf einen Filmabend auf der Couch beim Streamingdienst eures Vertrauens freuen.
The Secret Agent
Regie & Buch: Kleber Mendonça Filho
Cast: Wagner Moura, Maria Fernanda Cândido, Gabriel Leone, Irandhir Santos, Udo Kier, Hermila Guedes
Produktion: Cinemascópio (BR), mk2 Productions (FR), One Two Films (DE), Lemming Film (NL)
Deutscher Verleih: Port au Prince Pictures

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Sapeur Filmtipp | „The Secret Agent“ von Kleber Mendonça Filho
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