Interview mit dem Buchautor Michael „Latschi“ Pettau

Es ist uns ein besonderes Vergnügen, euch ein neues Interview auf unserem Blog präsentieren zu können. Dieses Mal stellen wir euch „Latschi“ vor, dessen Name in der Fußballszene des Rhein-Main Gebiets sicher nicht ganz unbekannt sein dürfte: Michael, seines Zeichens Hooligan, Türsteher und  Autor von zwei ausgezeichneten Büchern zum Thema „Hooligans“. Man traf ihn früher oft in hiesigen szenetypischen Etablissements.

Da Latschi ein Mann mit weitreichender Erfahrung ist, ist auch das Interview „etwas“ länger geworden. Aber wir würden es nicht so posten, wenn wir nicht davon überzeugt wären, dass seine  Antworten genauso fesselnd, interessant und authentisch wie seine Bücher sind.

Wir wünschen euch viel Spass beim Lesen!

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Hallo Latschi, vielen Dank, dass du dem Interview zugesagt hast. Stell dich bitte kurz unseren Lesern vor.

Gude, was soll ich groß zu meinem Werdegang erzählen? Schule, Wehrdienst, Studium, inzwischen in verantwortlicher Position bei einem großen Konzern und bereits 39 Jahre alt. Während meiner wilden Jahre beim Fußball gewesen. Ich würde jetzt nicht sagen, dass das Spiel mich nicht interessiert hätte. Doch war man eher wegen den Kumpels im Stadion als wegen des Spiels. Das Erlebnis stand ganz klar in Vordergrund.

Wie eingangs bereits umschrieben, supportest du die andere Mainseite, nämlich den Verein vom Bieberer Berg. Wie bist du damals zum Fußball gekommen und wie würdest du den Werdegang deiner Fankarriere beschreiben?

Als Frankfurter Bub war ich in zarten Teenagerjahren im G – Block. Mit sechszehn begann ich mit American Football und mich interessierte Fußball kein Stück mehr. Ein Kollege und ich waren dann mal mit achtzehn – wir waren beide antirassistische Skinheads – wieder bei der Eintracht und wurden dann von einem alten Frankfurter mit irgendwelchen Nazisprüchen so dumm von der Seite angemacht, dass wir von diesen Schwachköpfen nichts mehr wissen wollten. Apropos andere Mainseite: Die beiden Stadien sind doch auf der gleichen Mainseite?   🙂

Wie bist du mit den dortigen Stadionpartisanen in Kontakt gekommen, warst du in einer Gruppe aktiv und falls ja, wie wart ihr organisiert?

Es geht ja hier um meinen Werdegang und Offenbach. Ich hatte in jungen Jahren viel mit den Mitgliedern der linken Skinhead Band Stage Bottles zu tun. Olaf, der Sänger, hatte, sagen wir mal, beste Kontakte zur ASF (Anti Sozial Front / Offenbach). Die Offenbacher Hooligans gingen somit zu denselben Konzerten. Ich war Hooligans gegenüber eher misstrauisch. Ich hielt sie alle für rechte Vollspacken. Wie es mit Vorurteilen so ist, verflüchtigen sie sich sobald man sich mit den Leuten wirklich auseinandersetzt. Es waren recht angenehme Asis und sie hatten eine Vorliebe für Gewalt und Drogen…

Während meiner Bundeswehrzeit (muss etwa 1995 gewesen sein) war ich wochenends in Gießen bei einem Punkkonzert. Die Nacht wurde durchgemacht und ich suchte mir vormittags einen Imbiss. Plötzlich rief mich jemand und ich sah die Offenbacher durch Gießen ziehen. Um es kurz zu machen: Gießen wurde verwüstet, ich wurde verhaftet, meinem Oberleutnant erzählte ich was von Missverständnis und am nächsten Wochenende ging ich erstmals zum Bieberer Berg.

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Wie wichtig war zu deiner Zeit die Politik in der Szene oder spielte sie nur ein untergeordnete Rolle, solange man Schulter an Schulter für seinen Verein zusammen stand?

Die ASF wurde von Leuten gegründet die zum Zeitpunkt der Gründung rechts waren, sich davon aber recht bald distanzierten. Es gab dort zu allen Zeiten Rechte. Diese politische Gehabe war aber teilweise recht skurril. Da liefen Ausländer mit „Ich bin stolz Deutscher zu sein“-Aufnäher rum. Wenn man auf Aufwärtsfahrt im Bus saß und einen Joint rauchte, sagten bekannte Nazis – nachdem sie sich gerade auf der Bordtoilette Speed gezogen hatten – „Wer kifft kommt nicht nach Wallhalla!“. Ich denke die ASF war in den Anfangsjahren – also 10 Jahre vor meiner Zeit – vielleicht auch eine Gegenbewegung zu ausländischen Jugendgangs. Das Deutsche wurde von einigen immer sehr betont, wobei die Herkunft innerhalb der Gruppe nie eine Rolle spielte. Es waren immer mehrere Ausländer in der Gruppe und dies nicht nur als Mitläufer.

Anders sah es mit Antifaschisten aus. Da hatte man teilweise einen recht schweren Stand. Man musste sich mehr beweisen, um eine gewisse Akzeptanz zu erlangen. Die Auseinandersetzungen zwischen Rechten und eher Linken waren teilweise auch körperlich.

Auch wenn es dort manche gab, die sehr rechte Positionen vertreten haben, waren die Offenbacher Hooligans aber keine politische Gruppe.

Hatte auch die Musikszene auf dich einen großen Einfluss? Falls ja, welche Stilrichtung und Bands spielten eine Rolle?

Wie bereits erwähnt war ich Antifaschist und Skinhead. Da hatten Reggae wie Symarip, Laurel Aitken und Judge Dread, Madness oder die Specials einen hohen Stellenwert. In der Punk oder Oi! Richtung waren es Cock Sparrer, Angelic Upstarts oder The Oppressed. Die Stage Bottles spielten in meiner persönlichen Entwicklung selbstverständlich eine wichtige Rolle.

Wir kennen uns ja von gemeinsamen „Stage Bottles“ Konzertbesuchen und du warst auch sonst immer im Umfeld der Band zu finden. Was machte für dich den besonderen Reiz am Streetcore aus Offenbach aus?

Es war natürlich Freundschaft zur Band und die Feindschaft zu deren Gegnern – sprich den Nazi- Skinheads, obwohl ich einen Nazi nicht als Skinhead bezeichnen möchte. Ohne auf Details einzugehen. Es gab da zum Teil blutigste Saalschlachten.

Viele Szenen rühmen sich einen eigenen Style kreiert zu haben. Adidas Torsions, Reebok Classics, die erste Szene mit New Balance, Chevignon Jacken, dunkelblauen oder weinroten Bomberjacken. Wie war es bei euch und welches Outfit hat dir am besten gefallen?

Herrlich => Die Modefrage. Wenn die Öffentlichkeit wüsste, welchen unglaublichen Einfluss der Hooliganismus auf Herrenmode hat. Wer glaubt die Homosexuellenszene sei so modebewusst hat, noch nie einen Hooliganmob von Nahem gesehen.

In den 90ern war bei mir persönlich noch das Skinheadding. Das änderte sich recht bald. Man war als Skinhead einfach zu auffällig. Man brauchte vernünftige Sneaker, da es früher noch viel mehr Rennerei mit der Polizei gab. Die Leder-Chevignon war auch irgendwann Pflicht…

Geblieben ist die Vorliebe für hochwertige Polohemden – bevorzugte Marken: Paul & Shark und Hackett. Wenn ich es mir recht überlege, und dabei auf meine Sperry Top Sider-Segelschuhe blicke, bleiben einem aus der Hooliganzeit neben schönen Erinnerungen, ein paar Narben noch ein gewisses dandyhaftes Auftreten.

Waren die Ultras von früher eher so etwas wie die Kneipenschläger, rennt die aktuelle Generation ins Muay Tha-i, Box- oder Kick Box-Training. Wie waren die Hooligans zu deiner Zeit sportlich unterwegs?

Ganz früher gab es keine Ultras. Ich beziehe mich also auf die Hooliganszene. Damals waren bei manchen Spielen auf jeder Seite 100 Mann. Geschlagen haben sich aber immer dieselben 30. Diese Leute betrieben schon damals Kampfsport (in der Regel Boxen oder Kick Boxen). Die Szene bestand damals aber nicht nur aus Schlägern. Man konnte sich jahrelang in der Hooliganszene tummeln ohne sich jemals geprügelt zu haben. Manche hielten sich zurück und warfen einfach ab und zu ein Glas. Was ich sagen möchte, man musste keine Kampfmaschine sein. Im Gegensatz dazu kann eine moderne Ackertruppe nur aus Kämpfern bestehen. Früher waren aber auch 60 Kilo Männchen dabei, weil sie einfach dazugehörten, die lustigsten Witzen kannten, die besten Joints bauten, einfach oder einfach nur herrlich verrückte Typen waren.

Zeitreise: Donnerstag, der 13. Mai 1999. Beschreib bitte unseren jüngeren Lesern, was es mit diesem Datum auf sich hat und was sich am und um das Stadion in Offenbach abspielte.

Die Vatertagsrandale. Waldhof Mannheim war zu Gast auf dem Bieberer Berg. Die Fangruppen sind seit Menschengedenken verfeindet und beide Mannschaften hatten noch die Chance, in die 2. Bundesliga aufzusteigen. Es war Feiertag und es spielte weder die 1. noch die 2. Liga. Hooligan-Deutschland hatte an diesem traditionellen Sauf- und Randaletag frei.

Ratet mal wohin sich die üblichen Verdächtigen begaben? Es war wirklich alles am Start und es hat heftigst geknallt. Auf Offenbacher Seite waren: Leverkusen, Düsseldorf, Karlsruhe, Stuttgart und FRANKFURT. Ja du hast richtig gelesen. Die Mehrheit der Frankfurter war auf Offenbacher Seite gegen Mannheim. Was sich noch an Einzelpersonen oder PKW Besatzungen blicken ließ, entzieht sich meinem Wissen. Wer genau alles bei den Mannheimern mitmischte, weiß ich ebenfalls nicht.

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Vor dem Spiel gab es eine Boxerei zwischen Offenbach und Karlsruhe vereint gegen Mannheim und deren Freunde. Ich gebe zu, dass Mannheim da besser aussah.

Während des Spiels besetzten Mannheimer einen gesperrten Teil der Stahlrohrtribüne (Gästebereich) und warfen mit Holzlatten in den benachbarten Heimblock. Die sich dort befindlichen „Zivilisten“ verzogen sich und die Erlebnisorientierten zogen dort ein. Die TV Liveübertragung im Hessischen Rundfunk zeigte minutenlang die Randale. Der Polizei gelang es mit Mühe, die Fangruppen mit Schlagstöcken und Hunden zu trennen. Dennoch konnte man sich aus etwa 10 Metern mit Holzlatten und Betonbrocken bewerfen. Die Werferei dauerte im Prinzip das ganze Spiel, obwohl es in der 2. Halbzeit mangels Flugobjekte ruhiger wurde.

Endlich war das Spiel vorbei, hunderte Gewaltsuchende vor dem Stadion. Die Gästefans durften nicht raus und die Polizei setzte auf der Bieberer Straße Wasserwerfer ein. Wieder flog alles was man in die Finger bekam – ich sage nur Gullideckel. Letztendlich wurde man vom Wasserwerfer etwa100 Meter Richtung Innenstadt vertrieben. Sofort machte man sich daran, gegen die Bullen Barrikaden zu bauen, Mülltonnen wurden zusammengeschoben, ein Reifenlager geplündert, Zäune zerlegt und man zündete alles an. Wo hat man jemals von brennenden Barrikaden beim Fußball gehört? Es war der reinste Bürgerkrieg.

Irgendwann wurde man von der Polizei vertrieben. Ich flüchtete in eine nahe gelegene Grünfläche. Blöde Idee, da die Polizei dort sechs oder sieben Hunde ohne Maulkorb losließ. Da ich keinen Bock auf einen Hundebiss hatte schwang ich mich über eine Mauer zur Hauptstraße. 100 Meter weiter oben standen die Bullen. In der Seitenstraße mir gegenüber ein Polizeiwagen mit zwei älteren Beamten. Zwei weitere Hooligans (ortsfremde Verbündete) kamen über die Mauer. Sie gingen in die Seitenstraße auf das Polizeifahrzeug zu. Der Fahrer wollte was sagen, da trat ihm der Hool durch die Scheibe an den Kopf, zerrte ihn aus der Karre und zu zweit traten sie auf den Bewusstlosen ein. Der zweite Bulle – wie gesagt: beide waren alte Säcke – stieg aus und wusste sich nicht anders zu helfen als seine Knarre zu ziehen und in die Luft zu schießen. Die Beiden Hools rannten in die Seitenstraße. Ich stand mitten auf der Hauptstraße, zehn Meter vor der Seitenstraße. Die Anderen Polizisten hörten die Schüsse und konnten nicht sehen was in der Seitenstraße los war. Alles was sie sahen war ich und sie rannten die Straße runter. Ein unwirklicher Anblick, wenn dutzende Bullen auf einen zu rennen und teilweise die Waffe ziehen. Ich rannte wie nie zuvor oder danach. Es gab nach dem Spiel noch zwei Boxereien, doch ich hatte die Schnauze voll!

Um die Kasse während deines Studiums aufzubessern, hast du als Türsteher gearbeitet. Wie war der Alltag und vor welchen Türen im Rhein-Main Gebiet hast du gejobbt?

Man arbeitet an der Tür natürlich wegen der Kohle, aber auch weil man so Teil des Nachtlebens ist. Meistens war es Zeitabsitzen mit sehr guten Kollegen. Wenn man so zusammenhockt, vertreibt man sich die Zeit halt mit jeder Menge Blödsinn, sonst ist es gar nicht auszuhalten. Ich machte verschiedene Türen in Frankfurt. Zu nennen sind der Sinkkasten, die Batschkapp oder der Final Destination Club.

Bist du während der Fußballfahrerei und dem Job an der Tür von schweren Verletzungen verschont geblieben?

Bein Fußball mal ein paar blaue Flecken und von einem geworfenen Glas einen kleinen Cut von einer Scherbe. Und auch eine angebrochene Augenhöhle, das war aber ein internes Ding.

An der Tür früher mal zwei Schnitte und 2011 einen fiesen Messerstich. Fies weil ich es nicht gemerkt habe. Ich ließ das Arschloch noch laufen, da er versprach keinen Ärger mehr zu machen. Zwei Minuten später stellte ich fest, dass ich voller Blut war. Habe Glück gehabt.

Die Hooligans in Deutschland berufen sich immer auf den sogenannten Kodex, wonach auch die Losung „Keine Waffen“ zählt. Hielt sich die Szene tatsächlich an dieser Maxime oder waren doch mal neben dem Regenschirm oder den „Millwall Brick“ andere Dinge eingesetzt worden?

Früher waren eine gewisse Bewaffnung Alltag. Sei es der Regenschirm im Hochsommer, der Gürtel, die Springerstiefel oder die Flasche in der Hand. Ich denke durch die verabredeten Dinger auf dem Acker ist es bezüglich der Waffen im Prinzip fairer geworden.

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Wir hatten dich irgendwann aus dem Auge verloren, bis dann im März 2011 der Hooligan Roman „Auf dem Acker“ auf den Markt kam. Wie bist du auf die Idee gekommen und welche Inspiration half dir, diesen „fiktiven“ Roman zu schreiben?

Zur Vorgeschichte: ich bin irgendwann von Frankfurt nach Bad Vilbel gezogen – wohne inzwischen wieder in Frankfurt – und mein Bruder half mir beim Umzug. Sein Fernseher ging genau einen Tag vorher kaputt. Da ich ohnehin mit Wohnungseinrichten zu tun hatte schenkte ich ihm meinen. Ich habe mir nie wieder eine Glotze gekauft und hatte Zeit für andere Projekte.

Irgendwann wollte ich selbst was Schreiben. Ich fing an mit einer Romanserie über den Siebenjährigen Krieg – Preußen, Friedrich der Große…. Machte auch Spaß und ich kam gut voran. So einen 400 Seiten Roman schreibe ich in zwei bis drei Monaten. Die Hauptarbeit ist jedoch das Korrigieren und das nervt. April 2010 traf ich Josh von der Brigade Nassau und klagte ihm mein Leid. Er sagte sinngemäß: „Alte Preußen? So ’nen Kack will doch keiner Lesen. Mach doch was über Hooligans.“

So kam es dazu. Der Auslöser war Josh und inspiriert habe ich mich selbst.

Ein weiterer Grund zu Schreiben war mein Urgroßvater. Dieser ist seit 60 Jahren tot, aber sein Buch gibt es immer noch zu kaufen. Ist doch irgendwie cool zu lesen was er damals so gedacht hat.

Wie gestaltete sich deine Suche nach einem Verlag und wie war die Resonanz in deinem privaten Umfeld, als du ihnen von der Idee erzählt hast einen Hooligan-Roman zu schreiben?

Mein erweitertes privates Umfeld hielt mich natürlich für bekloppt. Die, die mich besser kannten wussten, dass ich alles durchziehe was ich mir in den Kopf setze.

Kommen wir kurz zur Schreiberei. Das wichtigste ist das Ende. Wohin soll mich die Geschichte führen. Dann brauchst du einen Anfang, der den Leser gleich in seinen Bann zieht. Es ist wie eine Reise. Du kennst den Anfang, weißt wo du hinwillst und schreibst auf was so am Wegesrand passiert.

Ich habe neben der Arbeit täglich mindestens 1500 Wörter geschrieben. Die Rohfassung von „Auf dem Acker“ war in weniger als zwei Monaten fertig. Das bedeutete täglich drei bis vier Stunden Schreiben. Dann das Überarbeiten. Du druckst dir den Text aus und korrigierst ihn. Ich habe etwa 40 Mal das von mir geschrieben Buch gelesen und überarbeitet. Zwischendrin sich die Meinung von Testlesern geholt. Weihnachten 2010 war ich fertig. Mein Wunschverlag war der Trolsen Verlag in Hamburg. Dieser Verlag ist spezialisiert auf die Fußball- Subkultur. Ich rief also an und erzählte, dass ich ein fertiges Manuskript hätte. Der Kontakt war sehr freundlich und ich schickte was ich hatte los. Drei Tage später bekam ich die Antwort, dass der Verlag es machen würde. Wir arbeiteten den Text noch einmal durch, wobei ich das letzte Wort hatte und in weniger als einem Jahr erschien der Roman „Auf dem Acker“. Zwischenzeitlich war er mal auf Platz 200 in den Charts. Das macht mich definitiv stolz, doch Geld verdient man mit dem Schreiben nicht. Wäre ich auf 400 Euro Basis Putzen gegangen, hätte ich in dem Jahr mehr verdient als mit dem Buch.

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Du beschreibst in deinem Buch den Abend in Frankfurt vor dem Spiel Deutschland gegen England (in München). Ein Abend, der auch uns (damals jungen) in Erinnerung geblieben ist. Wie schwer war es, über solche „fiktiven Umstände“ zu schreiben, ohne präzise zu werden?

Ich denke ich war schon recht präzise. Wichtig ist es niemandem auf die Füße zu treten. Sprich keine Namen zu nennen und den Leser, der nicht dabei gewesen ist, ein Gefühl für die Situation zu geben.

Du beschreibst in „Auf dem Acker“ auch den Wandel in der Szene, der damals eingesetzt hat. Nachdem am Spieltag fast nichts mehr möglich war, verlagerten die Gruppen den „sportlichen Vergleich“ auf die heutzutage sogenannten „Drittorte“, besser bekannt als Feld-Wald-Wiese oder eben dem „Acker“. Wie hast du die Veränderung miterlebt und was/wann waren für dich der auschlaggebende Gründe die Szenerie zu verlassen und in „Rente“ zu gehen?

Ich bedauere, dass ich den Acker viel zu spät kennen lernte. Den richtigen Schritt der Frankfurter – besser gesagt der Brigade Nassau – machten wir viel zu spät. Bei der WM im eigenen Land 2006, wollte ich es noch einmal richtig krachen lassen und dann aufhören. Man war ja immerhin schon über dreißig. Die WM war eine Enttäuschung und ich machte noch drei/vier Jahre ein wenig Acker mit. Ich war plötzlich einer „der Alten“ und stand ganz vorne. Irgendwann war aber die Spannung weg. Das Kämpfen war nicht Routine, sondern eher die Sorge was mit dem Job ist, wenn man sich ernstlich verletzt. Man will ja was aus sich machen. Acker ist ein Abenteuer, doch irgendwann verschieben sich die Prioritäten im Leben. Sei es Frau, Kinder, Karriere…

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Wie wichtig war das Buch „Auf dem Acker“ für dich persönlich? Vielleicht um mit einer Sache endgültig abzuschließen oder als (persönliches) Zeitzeugnis?

Ein Buch zu schreiben ist etwas Großartiges! Man kann Verschiedenes aufarbeiten und vor allem richtigstellen. Ihr wisst ja selbst wie Hooligans in der Öffentlichkeit dargestellt werden und dann auch noch der Acker. Alles muskel-bepackte Schläger. Dumm wie Scheiße und ohne Perspektive.

Ich bin studierter Haupt- und Realschullehrer. Meine Fächer waren Mathematik, Geschichte und Katholische Theologie. Ja echt jetzt, Religionslehrer. Arbeite aber in einem ganz anderen Beruf.

Knapp 18 Monate später erscheint bereits dein zweites Buch auf dem Markt. Mit „Fussballrowdies – Die Mobs der achtziger und neunziger Jahre“ hattest du das nächste Ausrufezeichen gesetzt. Nach Regionen unterteilt, hast du den Protagonisten aller großen westdeutschen Szenen das Wort erteilt und alle standen dir Rede und Antwort. Wie bist du auf die Idee gekommen so ein Werk auf die Beine zu stellen?

Als würde ich auf irgendeine Idee kommen. Der Josh von der Brigade ist wieder schuld!!!

Ich machte ja auch Lesungen kreuz und quer durch die Republik. Das geilste waren eigentlich immer die alten Geschichten von früher. Nach einer Lesung in der St. Tropez Bar sagte Josh, so ein Buch über früher wäre geil. Drei Tage später fragte ich bei alten Bekannten mal an, ob sie mitmachen würden. Ich fuhr also jedes Wochenende in eine andere Stadt und machte ein Interview. Erwähnte ich, dass ich einen Job habe? Ihr könnt euch also vorstellen welch ein Aufwand das bedeutet. Ab und an treffe ich mich noch mit Josh und wenn er wieder mit einer neuen Idee anfängt, muss ich ihn leider bitten die Fresse zu halten (Sorry alter Freund!), da seine Ideen mich immer wieder ein Jahr meines Lebens kosten.

War es schwierig die Leute zu einer Zusammenarbeit zu motivieren und nach welchen persönlichen Anforderungen hast du dir die Gesprächspartner ausgesucht? Schließlich sind auch alte Rivalen, zu Wort gekommen.

Es war gar nicht schwierig. Nach „Auf dem Acker“ hatte ich als Schreiber einen gewissen Stellenwert in der Szene. Viele kannten mich von früher, war ja einer von ihnen. Ich rief zuerst ein paar gute Freunde an und man machte sich Gedanken, wen man noch fragen könnte und wer dessen Nummer hatte. Einmal rief ich bei einem sehr bekannten alten Hauer an, dem ich persönlich nie begegnet bin und dieser sagte nur: „Ich befürchtete schon du rufst mich nie an.“

Zur Auswahl: Es war mir halt ein Anliegen, die führenden Köpfe der einzelnen Szenen zu bekommen. Die Leute die was zu sagen hatten und haben und nicht irgendwelche Piccos.

Gab es auch Komplikationen und Leute, die ein Interview prinzipiell ablehnten?

Ja, einer lehnte ab, da ich ein bekennender Antifaschist bin.

Wir hatten ja bereits den Stil angesprochen. Das von dir gewählte Cover zu „Fussballrowdies“ hat uns damals überrascht. Unter anderem sieht man eine Bomberjacke, Fred Perry-Polohemd, Baseballschläger und Springerstiefel. Spielst du hier mit Klischees oder war das die damalige Etikette?

Die Mode ist in der Szene eine wichtige Sache. Es sind ein Polohemd und Doc Martens zu sehen. In den 80ern waren etliche Fußballjungs Skinheads. Weiterhin sieht man Sneaker und die übliche Bewaffnung: Regenschirm, Gas und Leuchtstift.

Auf dem Cover oben links ist doch keine Bomberjacke! Warum habe ich mich nur auf ein Interview mit solchen Tölpeln eingelassen?   🙂  Das ist eine Chevignonjacke Model Cosmos. War vor 25 Jahren sehr angesagt.

(Anmerkung Tölpel: Riesen Fauxpas unsererseits. Wir hätten doch einmal auf das Cover schauen sollen ;o))

Im Gegenteil zum englischen Buch „Top Boys“, ist es erstaunlich, dass der Tenor nicht „Wir waren die Besten“, „die Geilsten“, „Wir waren wenig, haben aber trotzdem alles weg geballert“, etc. ist. Woran kann dies deiner Meinung liegen?

Das liegt auch an der Fragestellung. Was sollten die Jungs denn Antworten bei der Frage: was war eure bitterste boxerische Niederlage. Wie war das mit dem Politikscheiß oder mit den Drogen? Es sollte nie ein Heldenepos, sondern – wie erwähnt – ein Zeitzeugnis werden.

Die Reaktionen waren durchweg positiv. Mir sagten nach dem Erscheinen alle Beteiligten, dass sie stolz sind, dabei gewesen zu sein. Alleine schon weil dort wirklich nur die Cremé de la Cremé vertreten ist.

Besuchst du heute noch Spiele oder hast du dich komplett vom Fußball verabschiedet?

Mein letztes Kickersspiel war 2005 in Braunschweig und endete mit einer Festnahme. Mein letztes Fußballspiel war während der WM 2006 in Frankfurt – Portugal gegen Iran und ich bekam ebenfalls die Acht an. Seitdem nie wieder ein Stadion betreten, hatte jedoch nie Stadionverbot.

 Wie würdest die Szene von heute mit der damaligen Zeit vergleichen? Wo sind die gravierendsten Unterschiede auszumachen?

Die Ultras entwickeln sich immer mehr Richtung Old School. Es passiert ja recht viel bei An- und Abreise. Finde das schon recht positiv wie sie sich behaupten. Die Ultrabewegung wird ja in der Presse doch sehr angefeindet. Was mir auf den Sack geht, ist die Politik in den Stadien. So etwas wie in Aachen, das Faschisten bestimmen wer seinen Verein anfeuern darf und wer nicht, geht gar nicht. Ist aber leider nicht nur in Aachen so, scheint sich langsam zu einem bedauerlichen Trend zu entwickeln.

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Du hast innerhalb kürzester Zeit zwei Fußballbücher auf den Markt gebracht. Ist nun alles gesagt oder planst du ein weiteres Werk?

Ich gehe Josh aus dem Weg…

Mir fehlt einfach die Zeit noch etwas zu Schreiben. Und falls ich Zeit hätte und noch ein Buch über Fußball machen würde, dann nur, wenn ich mir absolut sicher wäre, dass es besser ist als alles was ich bisher gemacht habe. Ich bekomme es aber definitiv nicht besser hin.

Abschließende Worte….

Waaaas schon so spät? Ich muss weg, im FKK Club is‘ gleich Happy Hour.