Der Turnschuhminister

 „Ja, ich war militant. Wir haben Häuser besetzt, und wenn die geräumt werden sollten, haben wir uns gewehrt. Wir haben Steine geworfen. Wir wurden verdroschen, aber wir haben auch kräftig hingelangt“, sagte er dem Magazin Stern….. 

Um ein Ministeramt anzustreben, egal ob auf Bundes- oder Landesebene, kristallisierte sich für die aktuelle Politikergeneration eine Blaupause heraus, die vorsieht noch vor dem Abi – aber spätestens mit Beginn des Jura-Studiums – einer Partei beizutreten. Mit Ablegen des ersten juristischen Staatsexamens sollte es dann auch mit dem parlamentarischen Mandat geklappt haben, damit nach Erreichen des zweiten Staatsexamens der nahtlose Eintritt ins Berufsleben und damit Platz auf der Regierungsbank genommen werden kann. Berufs- und Lebenserfahrung im echten Leben bleiben bei derartiger Karriere genauso auf der Strecke, wie das häre Ziel in einem Parlament das Spiegelbild der Gesellschaft vertreten zu haben.

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Nach diesem Absatz würde ich mir die Frage stellen, ob Sapeur – One Step Beyond das Genre hin zur Philosophie wechseln oder sich dem Feuilleton einer Wochenzeitung empfehlen will. Und genau in diesem Moment folgt der Brückenschlag, indem Politik mit der heimlichen Hauptstadt Deutschlands Frankfurt am Main, Straßenschlachten in selbiger und unsere Leidenschaft für gepflegtes Schuhwerk verschmelzen.

Den Jüngeren unter uns sei an der Stelle der Hinweis gegeben, sich zunächst in westdeutscher Nachkriegsgeschichte fit zu machen und dazu den „68-er-Bewegung“ in Wikipedia nachzuschlagen.

So begab es sich, dass sich ein gewisser Joseph Martin Fischer, besser bekannt als Joschka, ab 1968 in Frankfurt für die hiesige Studetenbewegung und die Außerparlamentarischer Opposition (nicht zu verwechseln mit der heutigen FDP) engagierte, indem er sich dem Revolutionären Kampf verschrieb und mit seinen Droogs von der sogenannten Putzgruppe nach allen Regeln der Straße – mit schwarzem Motoradhelm vermummt – die Staatsgewalt verdrosch.

Ohne Berufs- oder Studienabschluss verdingte er sich neben diversen Gelegenheitssjobs als Taxifahrer, bis er 1983 für die Grünen in den Deutschen Bundestag einzog und hierdurch seinen Beitrag für das Parlament als Spiegelbild der Gesellschaft leistete.

Im Jahr 1985 kam es im avantgardistischsten Bundeslandland der Republik Hessen zur Bildung einer rot-grünen Landesregierung: Im Kabinett Börner wurde Joschka Fischer nicht nur der erste Minister der Grünen sondern auch erster Umweltminister in Deutschland.

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Nach einem kurzen Exkurs in Sachen Staatslehre haben wir versprochenes Schuhwerk gleich erreicht: Um Staatsminister in Hessen zu werden, bedarf es einer Ernennung durch den Ministerpräsidenten. Dieser wird nach Artikel 101 der Verfassung des Landes Hessen vom Landtag gewählt. Und weil sie alle schonmal dort sind, werden die Minister üblicherweise im Landtag vom Ministerpräsidenten ernannt. Und bei seiner Ernennung und anschließenden Vereidigung trug Joschka Fischer weiße Nike-Baskettballstiefel, weshalb er (auch) als Turnschuhminister in die bundesdeutsche Geschichte einging. So war das!

Habt ihr, bis auf die politische Laufbahn des Herrn Fischer, parallelen zu Euren Interessen und Freizeitbetätigungen erkannt? Konnten wir Euer Interesse für Demokratie und Politik wecken? Und habt ihr gar vor ein politisches Amt anzustreben? Dann ist Sapeur seinem selbstgesetzten öffentlichen Bildungsauftrag gerecht geworden.

Welches Nike-Modell Fischer nun trug, wird im Netz diskutiert. Beispielsweise bei Sneakerized, wo ihr auch weitere Bilder findet.

P.S. Die originalen Nike-Stiefel stehen übrigens – größter Skandal seit der Verschiebung der Deutschen Fußballmeisterschaft 1992 – im oxxenbacher Ledermuseum. Um diese Zeugnisse hessischer Sneakerkultur aus dieser traurigen Stadt zu befreien, wäre Sapeur für ein Alibi von Euch sehr dankbar…. ;o))