Tschutti Heftli

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Im Sommer 1990 besuchte ich die Grundschule in einer Vorstadt Wiesbadens. In meiner Klasse war ein Mädchen Namens Miriam; ihr Vater Architekt, die Mutter Lehrerin. Bereits zu diesem Zeitpunkt war absehbar, dass Miriam nach dem Gymnasium studieren und eine akademische Laufbahn einschlagen würde, während unsereins erst mal nach der Realschule weitersehen würde.

Kawashima Balotelli

Zu dieser Zeit war das Panini-Heft zur WM 90 eher uns Kleinbürgerkindern vorbehalten. Miriam konnte mit so etwas Prekärem wie Fußball definitiv nichts anfangen. Spätestens seit der WM 2006 haben die Miriams die Deutungshoheit übernommen, wie der Fußball sein sollte und was zur Fußballkultur gehört: Nach über Einhundert Jahren hergebrachter Fußballkultur haben offenkundig sämtliche Miriams das Ruder ergriffen und wissen seither – akademisch fundiert – wie der Fußball zu sein hat.

Frankreich - Schweiz

Um die Sterotype Miriam weiter zu bedienen, beobachte ich resignierend, dass es mittlerweile „State of the Art“ ist -sowohl in der spröden Hochschullehrerschaft als auch im swagen Hipstermilieu – die Insignien der Arbeiterkinder zu adaptieren, und das schnöde Panini-Sammelheft als Objekt der vermeintlichen Avantgarde in den Adelsstand des Hippen zu hieven.

Pele

Doch Gott sei Lob und sei’s gepfiffen, haben wir uns und können uns dank unseres richtungsweisenden Gespürs für Ästhetik von der nachzüglerischen Stil-Reaktionären absätzen (wie es mir beispielsweise aus der Seele sprechend im CLOSERThanMOST-Artikel zu lesen war).

tschuttiheftli_web  Brasilien

Doch wenn Du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo – konkret aus dem Süden ein eidgenössisches – Lichtlein her:

Seit 2008 gibt es das Tschutti Heftli, wobei Tschutti schweizerisch für Fußball steht. Im Gegensatz zu den konventionellen Sammelalben, gibt es Fußball ein künstleriches Gesicht. Statt herkömmlicher Fußballer-Portraits werden hier kleine Kunstwerke eingeklebt. Jede Mannschaft wurde jeweils in einem international ausgeschriebenen Illustrationswettbewerb künstlerisch individuell gestaltet. So bietet das Tschutti Heftli nicht nur einen Überblick über die Fußballer der WM 2014, sondern auch über die verschiedensten Gestaltungsstile zeitgenössischer Portrait- Illustration. Das Projekt hat keinen kommerziellen Hintergrund. Mit dem Erlös wird eine Fußballmagazin produziert, das neben dem Sammelheft herausgegeben wird. Zudem werden kulturelle bzw. karitative Projekte oder Organisationen unterstützt, z.B. terre des hommes Schweiz.

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Überlasst also guten Gewissens Miriam das Panini-Album. So wie 1990 bleiben wir unter uns, vorausschauender und ursprünglicher Feingeister der Fankultur.

Tschutti Heftli

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In Frankfurt könnt ihr übrigens das Sammelalbum im Laden 100 in der Friedberger erwerben.